Bilder der Atlantikküste von Marokko mit dem Smartphone

Ibrahim – Im Süden von Marokko 2

Von Andreas Lehner. Ibrahim bittet uns auf den Plastikstühlen seines kleinen Tajine-Imbiss Platz zu nehmen und hebt den Deckel eines Tajine. Für kurze Zeit wird Ibrahim unsichtbar. Die weiße Dampfwolke verschwindet nur langsam unter dem Wellblechdach des Imbiss und Ibrahim wird wieder sichtbar. Ibrahim präsentiert mit großzügiger Geste die Tomaten, Zwiebel, unzählige Gewürze, Fisch, Huhn und Kartoffeln, die das Tajine bald zum Leben erwecken werden. Tajine? Tajine Poisson! Ibrahim serviert Getränke, eine Flasche Wasser und natürlich Tee. Ibrahim gießt Tee aus Kopfhöhe in das kleine, runde Teeglas, probiert und kippt den Tee zurück in die silberne Teekanne, probiert und kippt den Tee zurück, probiert. Ibrahim schneidet Zwiebel und gießt erneut aus Kopfhöhe zielgenau in das kleine, runde Teeglas, probiert und kippt zurück in die silberne Teekanne, schneidet Tomaten. Zwiebel und Tomaten kommen in den Tajine. Es dampft und Ibrahim ist wieder unsichtbar. Einen kurzen Moment später steht Ibrahim vor uns, füllt unsere Gläser aus Kopfhöhe mit Tee und fordert uns zum Trinken auf. Ein großer Kühlwagen fährt vor. Die benachbarten Imbissbetreiber eilen aus ihren Lokalen und kehren mit mehreren aufeinandergestapelten Kisten zurück. Darauf auf Eis lagernd Fisch. Ibrahim geht zum Kühlschrank und kehrt mit einem Paket, eingewickelt in Zeitungspapier, zurück. Darin ein Fisch. Ibrahim filetiert den Fisch und wird wieder unsichtbar. Ibrahim setzt sich und fächert mit seiner Speisekarte die Fliegen aus seinem Gesicht und weg vom Tisch der Gäste.

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Text und Fotos: Andreas Lehner

Wüstenblume – Im Süden von Marokko 1

Von Andreas Lehner. Zwischen dem Schutt und den kantigen Steinen erhebt sich Gestrüpp und setzt sich mit seinem grünlichen Farbton vom Rest der kargen Landschaft ab. Es wirkt so, als würde sich das Gestrüpp durch den felsigen Untergrund ans Sonnenlicht hochkämpfen. Und das, was schon durchgepresst ist, muss sich nun der sengenden Sonne und den Sandstürmen aus der Wüste Sahara widersetzen. Einige Kilometer vorher waren noch verkümmerte Arganbäume zu sehen, die den Kampf wohl schon verloren haben. Einige ebenso verkümmerte Ziegen suchen nach einigen Grashalmen im Schutt. Inmitten der scheinbar unendlichen Monotonie aus Schutt und Stein pflügt ein Bauer mit seinem Esel ein kleines Feld, nicht größer als ein Kleingarten einer Kleingartensiedlung. Für ihn wohl die einzige Chance zu überleben und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit der Bewirtschaftung eines 50 Quadratmeter großen Feldes am Rande der Hammada, was wird ihm da schon bleiben, wirklich genug um davon zu leben? Doch der Bauer teilt er überhaupt die Sorge um die Vergeblichkeit der Mühen oder entspringt die ihm angedachte Frustration der bloßen Ahnung mitteleuropäischer Reisender, die sein Tun infrage stellen? Die Landschaft zieht vorüber. Aus dem Autoradio dudelt Musik, schnell und monoton, mit eindringlichen, sich ständig wiederholenden Gesangsmustern schriller Frauenstimmen. Das Landschaftsbild verändert sich im Detail. Eine neue Gattung von Vegetation ergänzt das grüne Gestrüpp. Rosarote, weiße, grüne und blaue Blüten scheinen über dem Steinboden zu schweben. Die sonderbaren Blüten aber sind Plastiktüten. Ab und dann verhängt sich eine im Gestrüpp und flattert aufgeregt hin und her, als würde sie sich nicht aufhalten lassen wollen durch ein Stück echter Natur. Woher wohl all die Tüten kommen, dass sie ganze Landstriche übersäen, ohne Jahreszeiten zu kennen. Als wären sie Vorboten der lebensfeindlichen Hammada, die sich mehr und mehr Raum verschafft und verkümmerte Arganbäume und Ziegen zurücklässt.

Text und Foto: Andreas Lehner