FLASHLIGHTS OF MEMORIES. Die Sterne von Sarajevo

Die Erinnerung aus Sarajevo ist rund, schillernd und bunt, einer Seifenblase gleich. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt, und alles ist hier genau richtig. Diese Stadt atmet Vielfalt. Sie ist eine Patchwork-Decke, ein Flickenteppich, aber einer, der fliegen kann, davon bin ich überzeugt. Obwohl das ganze Land von Geschichte durchtränkt zu sein scheint, ist Sarajevo selbst in diesem Punkt überragend: Die Spuren, die die Geschichte hinterlassen hat, leuchten von einer eigentümlichen und traurigen Schönheit. Es ist die Koexistenz und die Verflechtung der verschiedenen Zivilisationen, die die besondere Atmosphäre der Stadt ausmachen: Muslimisch-osmanische Bauten, orthodoxe oder katholische Kirchen, europäisch verzierte Fassaden, kommunistische Schubladenwohnungen, moderne neue Hochhäuser, vom Krieg beschädigte Wohnhäuser.

Von Saliha Soylu. 

Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird.
Entwickeln wird ihn die Erinnerung.
Max Frisch

Es ist der natürliche Filter der Erinnerung, der uns den wahren Eindruck einer Reise erkennen lässt. Denn selten bleibt von einer Reise mehr als eine Sammlung kostbarer Augenblicke, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben; glänzende Perlen, die die Erinnerung aus dem Meer des Vergessens ans Ufer spült: Weil sie es sind, die für immer bleiben, sind sie es auch, die uns für immer verändern können.

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Srebrenica

Von Saliha Soylu

Und ich weine.

Bittere Tränen.
Strömen.

Und ich weine.
Weil achttausensechshundertzweiundsiebzig Menschen ermordet wurden.
Es waren Muslime, aber darum weine ich nicht.
Ich weine,
weil es Mütter waren,
Kinder, Babies, Väter, Onkel,
Tanten, Brüder, Schwestern,
Alte, Junge,
weil es Menschen waren
wie ich.

Und ich weine.
Weil die Zahl der Toten noch immer steigt,
weil es passiert,
noch heute! noch immer!
und genau in diesem Moment.

Ja ich weine!
Weil ich die Rufe all der Menschen hören kann,
die in diesem Moment sterben,
grausam ermordet werden
vor den Augen der Welt.

Ja ich weine!
Weil ich den Schmerz der Menschen spüren kann,
die die Gebeine ihrer Liebsten ausgraben
aus einem namenlosen Massengrab,
und sie allein an ihren Fingerspitzen wiedererkennen.

Ja ich weine!
Weil ich die Augen all der Menschen sehen kann,
die zu viel gesehen haben,
bis auf den Grund gebrochen von Furcht,
um Hilfe, um Schutz und ein Ende flehend.

Sag mir du Mensch!
wie viele deiner Menschenbrüder müssen sterben,
bis du es endlich verstehst?
Srebrenica ist nicht vorbei.
In vollem Gange,
Tag für Tag an jedem Ort der Welt.

Srebrenica.
Wie viel Gottvertrauen muss man haben, Herr,
um einen Ort wie diesen aufrecht zu verlassen.
Hier ist möglich, dass selbst die Hoffnung stirbt.
Auch 20 Jahre danach.

Ich bin sicher, Herr, es ist ein Zeichen,
doch wir verstehen es wiedermal nicht.
Wie deutlich musst Du werden, Herr,
dass der Mensch endlich begreift??

Und bitterlich weine ich.
Denn die meisten beweinen sich selbst.
Viele beweinen die Toten.
Ich beweine die Lebenden.

Von Saliha Soylu*

Und ich weine.
Bittere Tränen.
Strömen.

Und ich weine.
Weil achttausensechshundertzweiundsiebzig Menschen ermordet wurden.
Es waren Muslime, aber darum weine ich nicht.
Ich weine,
weil es Mütter waren,
Kinder, Babies, Väter, Onkel,
Tanten, Brüder, Schwestern,
Alte, Junge,
weil es Menschen waren
wie ich.

Und ich weine.
Weil die Zahl der Toten noch immer steigt,
weil es passiert,
noch heute! noch immer!
und genau in diesem Moment.

Ja ich weine!
Weil ich die Rufe all der Menschen hören kann,
die in diesem Moment sterben,
grausam ermordet werden
vor den Augen der Welt.

Ja ich weine!
Weil ich den Schmerz der Menschen spüren kann,
die die Gebeine ihrer Liebsten ausgraben
aus einem namenlosen Massengrab,
und sie allein an ihren Fingerspitzen wiedererkennen.

Ja ich weine!
Weil ich die Augen all der Menschen sehen kann,
die zu viel gesehen haben,
bis auf den Grund gebrochen von Furcht,
um Hilfe, um Schutz und ein Ende flehend.

Sag mir du Mensch!
wie viele deiner Menschenbrüder müssen sterben,
bis du es endlich verstehst?
Srebrenica ist nicht vorbei.
In vollem Gange,
Tag für Tag an jedem Ort der Welt.

Srebrenica.
Wie viel Gottvertrauen muss man haben, Herr,
um einen Ort wie diesen aufrecht zu verlassen.
Hier ist möglich, dass selbst die Hoffnung stirbt.
Auch 20 Jahre danach.

Ich bin sicher, Herr, es ist ein Zeichen,
doch wir verstehen es wiedermal nicht.
Wie deutlich musst Du werden, Herr,
dass der Mensch endlich begreift??

Und bitterlich weine ich.
Denn die meisten beweinen sich selbst.
Viele beweinen die Toten.
Ich beweine die Lebenden.

06.04.2015, Srebrenica, Bosnia and Herzegovina

* Saliha Soylu ist Autorin und schreibt und bloggt regelmässig auf https://purpurfluegel.wordpress.com. Der Originalbeitrag ist von dort entnommen https://purpurfluegel.wordpress.com/2015/04/11/srebrenica/ . Saliha ist in Ludwigsburg aufgewachsen und schreibt schon seit vielen Jahren. Sie ist immer neugierig auf die Geschichten anderer Menschen und sie ist überzeugt, dass Kunst jeder Form das Leben und Denken eines Menschen verändern kann.