Mann ist wie Katze, immer liegt.

Ein Auszug aus dem kommenden neuen eBook von Dragoslav Prpic.

Gery kam vom Land nach Wien. Bist Du in Wien einer, der vom Land kommt, wirst Du meistens aus der Steiermark oder aus dem Waldviertel oder aus Oberösterreich oder aus sonst einem Bundesland, das nicht Wien ist, sein. Wien ist Stadt. Der Rest Land. Für jeden, der das Landleben satt hat, bleibt nur eine Möglichkeit, nämlich nach Wien zu gehen. Das plante der Gery nicht anders. Nach der Matura im Stiftsgymnasium ist er schnurstraks nach Wien. In den großen Ferien nach der Matura hat er noch lange überlegt, doch daheim bleiben, “da kenne ich alle, die Mama kocht und hat Zigaretten auf Vorrat und kann mich abholen, wenn ich im Suff das Taxigeld in noch ein Schnapserl investiert habe.”

Oder doch nach Wien in die große Stadt. Ganz fremd wärs dort eh nicht, weil jeder vom Land war irgendwann mal als Kind in der Stadt, Stephansdom anschaun und mit dem Riesenrad fahren, das Pferdelulu und Pferdegacki von den Fiakern inhalieren, bei der Heimfahrt zurück aufs Land auf der Äußeren Mariahilferstraße die rauchenden Strassenhuren bestaunen, die unter den  schummrigen Straßenlaternen auf und ab gingen. Das war schon alles sehr aufregend für die jungen Burschen vom Land.

Genau daran erinnerte sich auch der Gery, vor allem an die Huren, als er den felsenfesten Entschluss fasste “ich gehe nach Wien”.

Nach Wien zu gehen, das war das eine, was schon immer als kleiner Wunsch in ihm schlummerte. Das andere war das Leben in einer Wohngemeinschaft. Je größer die Wohngemeinschaft desto besser, dachte sich der Gery. Anfangs in Wien wohnte er noch alleine und sorgte für Gesellschaft indem er beim Fortgehen immer versuchte ein Mädchen kennenzulernen, das mit ihm nach Hause kommt, damit er nicht so alleine war. Der Gery war ganz gut darin, vor Allem wenn er ausreichend getrunken und geraucht hat. Je später die Stunde in den Bars, desto sicherer war er sich, dass seine Wohnung mit Leben gefüllt werde. So ging das ziemlich lange. Dann lernte er eine kennen, die nicht mehr aus  seiner Wohnung und seinem Bett raus wollte. Anfangs fand er das gut, dann so abscheulich, dass er beschloss von einem Tag auf den anderen abzuhauen. Der Gery packte nur einen kleinen Rucksack mit Zahnbürste und Unterhosen und schlich sich mitten in der Nacht aus dem Bett, wo das Mädchen tief und fest schlief. Den Mietvertrag hatte er gleich am nächsten Tag gekündigt und irgendwann nach drei Monaten sah er die Wohnung im Immobilienteil der Kronen Zeitung. Das Mädchen hat er nie wieder gesehen. In der Zwischenzeit erfüllte er sich den WG-Traum. Mit sechs anderen Mitbewohnern lebte der Gery in einer loftartigen Wohnung in Wien Favoriten. Die Wohnung war so billig, dass alle sieben in Saus und Braus lebten. Jeden Tag kamen neue Gäste vorbei, sie haben gekocht, gegessen und unvorstellbare Mengen an Bier getrunken. Erlaubte es der Kater vom Vortag wurde gern die Schnapsflasche aufgemacht. Der Schnaps schmeckte vorzüglich. Da alle Mitbewohner und WG-Besucher vom Land kamen, gab es immer Schnaps, den die Familien und Verwandte zu Hause selbst brannten. Kein Vergleich mit dem Billigfusel aus dem Interspar. Das war der pure Genuss und die Reinheit des Schnapses ersparte einem die schweren Köpfe und somit konntest du am nächsten Tag ohne Probleme dort fortsetzen wo du spät nachts aufgehört hast.

Für den Gery war es das Paradies. Irgendwann jedoch war der Gery unvorsichtig und verstieß gegen ein Grundgesetz des harmonischen WG Lebens. Er verliebte sich in eine Mitbewohnerin. Hat er sich anfangs noch gewehrt gegen die Aufregung, die er verspürte, wenn er in ihrer Nähe war, ist es in einer wilden Partynacht doch passiert. Sie rauchten gemeinsam noch einen Joint, so wie sie es jeden Abend machten, um besser schlafen zu können. Doch dieses mal löste das Kraut wildes Begehren aus. Der Gery berührte anfangs nur sachte ihren Zeigefinger und streichelte sanft rund um ihre Fingerkuppe. Die Mitbewohnerin, die noch eher bei Kräften war, stand dann von ihrem Sessel auf und setzte sich schnur straks auf Gerys Schoss. Der Gery war nicht mehr zu retten.

Am nächsten Tag taten beide so als wäre nichts geschehen. Am Abend gingen sie in die Pizzeria neben der U-Bahn-Station und tranken ein paar Bier. Dann fuhren sie noch zum Praterstern ins Fluc und tranken noch mehr Bier, dann Jägermeister, dann Taxi nach Hause und schon im Taxi war der Gery wieder nicht zu retten. So ging das wochenlang, bis sie ein richtiges Paar waren. Der Gery schlief nur mehr bei ihr im Zimmer, sie dachten schon daran Gerys Zimmer neu zu vermieten, weil sie ja so verliebt waren und eh nicht viel mehr brauchten als das kleine Zimmer, ein paar Bier und was zu kiffen.

Dann war Weihnachten und alle fuhren zurück aufs Land zu ihren Familien. Als der Gery zurückgekommen ist vom Land in die Stadt, traf es ihn wie einen Blitz, dass er dachte jetzt sofort lieber gleich sterben, bevor irgendwas anderes anreissen. Er stand im Türrahmen und konnte sich nicht mehr bewegen. Sein Herz raste und hämmerte so laut, dass er sich die Ohren zugehalten hat, was das Hämmern noch lauter machte. Dann drehte er sich um, ging torkelnd wie ein Betrunkener zum Kühlschrank und machte sich ein Bier auf. Das Bier war weg in null komma nix. Zum zweiten Bier setzte er sich hin und drehte einen Joint. Dann brach er in Tränen aus und weinte wie ein Hund. Dann hat er sich zusammengerissen, die Tränen aus dem Gesicht gewischt und ist in die Pizzeria. Wenig später kam auch die Mitbewohnerin. Sie setzte sich neben ihn und sagte “Du. Es ist einfach passiert Ich wollte das nicht. Aber dann haben wir was getrunken und …ich glaub zuviel und dann ist es passiert. “ Der Gery war stumm und starrte in sein Bierglas. Dann sagte die Mitbewohnerin “Du. Ich geh jetzt wieder.” Dann sprang der Gery auf und schrie sie durch die ganze Pizzeria an: “Ja. Schleich Dich, Du Bitch! Geh scheissn! Du Schlampn! Hur deppade! Gschissene Fut. I will di nie wieder sehen. Du Saaaau!” Die Mitbewohnerin war schon längst aus dem Lokal, schrie der Gery immer noch, bis ihn der Giancarlo von der Pizzeria mit einem doppelten Grappa beruhigen konnte.

Das Leben in der WG wurde für den Gery zur Hölle. Weil der Typ mit dem er seine Freundin im Bett erwischt hat, kam immer wieder zu Besuch. Und zwischendurch, als der eine Typ nicht kam, kamen andere zu Besuch. Die kamen in die Wohnung, der Gery öffnete ihnen die Tür und dann verschwanden sie auch schon im Zimmer von der Mitbewohnerin. Der Gery leidete und der Gery ging nicht mehr ausser Haus. Er setzte sich neben die Eingangstür und wartete bis es wieder klingelte. Dann machte er die Tür auf und setzte sich wieder hin. Der Gery sagte nie ein Wort der Begrüßung sondern saß nur da mit einem Bier und einer Zigarette in der Hand und schaute wie die Besucher wieder im Zimmer verschwanden. Manchmal hielt er es nicht mehr aus, die Neugier und Selbstgeisselung trieben ihn zur Zimmertür. Dort belauschte er die frisch Verliebten, hörte sie stöhnen und ausgelassen lachen. Einmal, da verlor er sich so sehr ins Lauschen, dass er vergessen hat auf andere Geräusche zu achten. Und so liegt sein Ohr an der Tür und zack geht die Tür nach innen auf und der Gery plumpst direkt vor die Füße der Mitbewohnerin.

“Oida! Was machst Du da? Bist du vollkommen deppad? Hast Du uns nachspioniert?” “Na. Also i wollt nur …” “Ja sicher hast uns nachspioniert. Oida, bist pervers? Was tuast no alles du Wichseer?” “Na hörts auf..Ich hab doch nur wollen…” “Ja was hast nur wollen. Wollts da an obareissen, oder was?”  Der Besuch der Mitbewohnerin empfand für Gery kein Mitgefühl und packte ihn am Krawattel und stieß ihn gegen die Wand. “Heast. Was soll des! Bei uns in da WG gibts keine Aggressionen!”, sagte der Gery und nahm Anlauf und stürmte auf den Besuch zu. Eine wilder Schlägerei entwickelte sich. Die Mitbewohnerin stand daneben und schrie “Hörts auf jetzt! Bitte! Hörts auf!” Dann nahm der Gery eine Bierflasche und zog sie dem Besuch über den Schädel. Der Besuch fiel um und Blut floss über sein Gesicht. Dann herrschte Stille.  

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin. Das Foto im Profil ist ein fantastisches Gemälde von Peter Paul Rubens.

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