FLASHLIGHTS OF MEMORIES. Die Sterne von Sarajevo

Die Erinnerung aus Sarajevo ist rund, schillernd und bunt, einer Seifenblase gleich. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt, und alles ist hier genau richtig. Diese Stadt atmet Vielfalt. Sie ist eine Patchwork-Decke, ein Flickenteppich, aber einer, der fliegen kann, davon bin ich überzeugt. Obwohl das ganze Land von Geschichte durchtränkt zu sein scheint, ist Sarajevo selbst in diesem Punkt überragend: Die Spuren, die die Geschichte hinterlassen hat, leuchten von einer eigentümlichen und traurigen Schönheit. Es ist die Koexistenz und die Verflechtung der verschiedenen Zivilisationen, die die besondere Atmosphäre der Stadt ausmachen: Muslimisch-osmanische Bauten, orthodoxe oder katholische Kirchen, europäisch verzierte Fassaden, kommunistische Schubladenwohnungen, moderne neue Hochhäuser, vom Krieg beschädigte Wohnhäuser.

Sarajevo

Von Saliha Soylu. 

Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird.
Entwickeln wird ihn die Erinnerung.
Max Frisch

Es ist der natürliche Filter der Erinnerung, der uns den wahren Eindruck einer Reise erkennen lässt. Denn selten bleibt von einer Reise mehr als eine Sammlung kostbarer Augenblicke, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben; glänzende Perlen, die die Erinnerung aus dem Meer des Vergessens ans Ufer spült: Weil sie es sind, die für immer bleiben, sind sie es auch, die uns für immer verändern können.

Die erste Erinnerung aus Bosnien ist überwältigend. Dank Ferienverkehr sind wir schon über 24 Stunden unterwegs, Tag und Nacht zogen vorbei, der Geist ist müde, der Körper steif, die Luft im Reisebus warm und stickig. Die Vorfreude und pulsierende Neugier ist irgendwo bei Wien auf der Strecke geblieben. Zwar heißt es immer, der Weg sei das Ziel, inzwischen wollen wir aber nur noch ankommen. Unser Bus windet sich die Serpentinen entlang. Dann aus dem Nichts diese Wucht der Natur: gewaltige Berge, wild und mächtig, zerklüftet und unnahbar, plötzlich überall um uns herum, der Himmel nur mehr ein Spalt hoch über unseren Köpfen. Wir sind überwältigt, bringen keinen Ton mehr heraus, wagen kaum zu atmen. Nichts kann der Mensch angesichts solch erhabener Schönheit auch anderes als schweigen. Am tiefsten Punkt des Tals wirbelt der Fluss. Seine Wasser strahlen Türkis, sprudeln Eisblau und leuchten Grün. Seine Ufer säumen wilde Felsen, weitläufige Auen in frischem Frühlingsgrün und die strahlend weiße Pracht der blühenden Obstbäume. Kleine Dörfer ducken sich in die Täler, die Berghänge verschlingen sie fast, ragen hoch in den klaren glasblauen Himmel. Alle Farben scheinen leuchtender, satter, intensiver und frischer als irgendwo anders. Alle Landschaft scheint wilder, härter und schöner zu sein als an jedem anderen Ort. Würde man nur für einen Moment an diesen Ort der Erde gestellt und sofort wieder entfernt: Diese Bilder blieben für immer, dieser Moment prägte sich tief ein; und auf einmal spüre ich diese besondere Atmosphäre, die beklemmend ist und zugleich erhaben: Als warnte uns das Land, es ja nicht zu unterschätzen, als riefe das Land uns zu: „Nehmt Euch in acht! Denn dies ist nicht irgendein Land, nein, dies bin ich, Bosnien und Herzegowina, und ihr wisst gar nichts über mich.“

Blagaj
Blagaj
Mostar
Mostar

Dieses eigenartige Gefühl begleitet mich die ganze Reisewoche über. Die Natur ist ein einziges Schauspiel. Sie ist es, die den Ton angibt, die die Spielregeln festlegt, und der Mensch kann nichts anderes als mitspielen. Die Orte und Städte, die wir besuchen, Travnik, Konjic, Pocitelj, Blagaj, Mostar, scheinen wechselnde Bühnenbilder zu sein, selbst der Krieg gehört zum Setting. Wir halten uns eine Weile darin auf, staunen, laufen umher, sehen uns alles an, was es anzusehen gibt, machen Fotos, lauschen unserem Reiseführer, kaufen Souvenirs und Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Wir spielen unsere Rolle perfekt, und dennoch stören wir das Bild. Mir ist, als probierte man verschiedene Kleider an, und zöge doch weiter ohne Kauf, denn keines passt richtig. Aber dann kommt Sarajevo, die zweite Erinnerung.

Die Erinnerung aus Sarajevo ist rund, schillernd und bunt, einer Seifenblase gleich. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt, und alles ist hier genau richtig. Diese Stadt atmet Vielfalt. Sie ist eine Patchwork-Decke, ein Flickenteppich, aber einer, der fliegen kann, davon bin ich überzeugt. Obwohl das ganze Land von Geschichte durchtränkt zu sein scheint, ist Sarajevo selbst in diesem Punkt überragend: Die Spuren, die die Geschichte hinterlassen hat, leuchten von einer eigentümlichen und traurigen Schönheit. Es ist die Koexistenz und die Verflechtung der verschiedenen Zivilisationen, die die besondere Atmosphäre der Stadt ausmachen: Muslimisch-osmanische Bauten, orthodoxe oder katholische Kirchen, europäisch verzierte Fassaden, kommunistische Schubladenwohnungen, moderne neue Hochhäuser, vom Krieg beschädigte Wohnhäuser.

Diese Stadt ist mir sympathisch, von Anfang an. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich hier zum ersten Mal während der Reise tatsächlich in Kontakt mit den Bewohnern komme: Der Aufseher in der Nationalbibliothek. Er spricht kaum drei Worte Englisch, aber sein Lächeln ist freundlich und echt. Nach kurzem Zögern gewährt er uns Zutritt in die Eingangshalle, obwohl das Gebäude an jenem Tag für Besucher geschlossen ist. Die Besitzerin des Souvenirladens. Sie nimmt sich viel Zeit für uns, hat Geduld mit unserer Unentschlossenheit. Und bringt uns am Ende ein paar Worte auf Bosnisch bei: „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“ und „Danke“. Der Cafe-Betreiber und seine Frau. Sie setzt sich dazu und erklärt den weniger Englisch-Kundigen langsam und deutlich die Menükarte, achtet darauf, dass sie tatsächlich verstehen und nicht nur einfach aus Höflichkeit „ja“ sagen. Sie erzählt, dass es sich um alte Familienbilder handelt, als wir sie nach den Fotos an den Wänden fragen. Schwarzweißfotografien eines Sarajevos und seiner Menschen, das es so nicht mehr gibt. Alles in dem Raum ist mit Liebe hergerichtet. Der Tee und Kaffee, den sie mit Honig zum Süßen und Lokum serviert, schmeckt herrlich. Der Cafe-Betreiber hat schlohweiße lange Haare und einen ebenso weißen langen Bart, obwohl er nicht sehr alt ist. Er begrüßt uns erst auf Türkisch, dann erzählt er uns in brüchigem Deutsch, dass er lange Zeit in der Schweiz gelebt hat. Daraufhin nennt er noch drei weitere Länder, in denen er einmal lebte. Er berichtet davon, dass die Seele Sarajevos ausstirbt, kaum einer seiner „Kollegen“ wisse noch, wie Salep zubereitet wird, dabei sei es ein urbosnisches Getränk. Alles würde mehr und mehr nach den Interessen der Touristen eingerichtet, das heißt Gleichmacherei, sagt er wehmütig. Wir berichten, dass uns sein Cafe von einem bosnischen Freund in Deutschland extra empfohlen, ein Besuch dort uns sehr ans Herz gelegt wurde. Und dass wir mehr als froh sind, der Empfehlung gefolgt zu sein. Er freut sich und wünscht uns zum Abschied alles Gute auf unserem weiteren Lebensweg. Die Touristin aus den Emiraten. Ganz in Schwarz gehüllt, wärmt sie sich mit ihren Kindern in einer Teestube auf, so wie wir. Beim Bezahlen bittet sie uns um Hilfe, sie rollt ihre bosnischen Scheine auf, hat Schwierigkeiten mit den europäischen Zahlen. Sie fragt, woher wir kommen, wir stellen fest, dass ihre Anreise trotz größerer Entfernung schneller verlief als unsere: Sechs Stunden Flug aus Abu Dhabi, 24 Stunden Busfahrt aus Stuttgart – wir lachen. Der Pfarrer der katholischen Kirche. Die Kirche ist geschlossen, als wir sie uns ansehen wollen. Der Geistliche steht vor der Tür, er verweist uns auf den Gottesdienst, der in ca. 10 Minuten stattfinden wird, dann wäre die Kirche offen. Dann begrüßt er die Mitglieder aus seiner Gemeinde, die schon da sind, unterhält sich mit ihnen. Wir kehren zur Kirche zurück, als wir die Glocken läuten hören, setzen uns in die hinteren Reihen, folgen eine Weile dem Geschehen. Gerne hätten wir uns auch eine orthodoxe Kirche angesehen, leider blieb dafür keine Zeit. Das kleine Mädchen im Krämerladen. Am Vormittag hatten wir sie auf der Straße im Schneeregen sitzen sehen, sie sang, bettelte um Geld. Als wir gegen Abend Früchte und Kekse als Reiseproviant einkaufen, betritt sie den Laden, ihre Kleidung abgetragen und nass, ihr Haar zerzaust. Ich schätze ihr Alter auf keine sieben Jahre. Sie entdeckt im Regal Brausebonbons, an deren Verpackung als Zugabe ein Püppchen mit pinken Haaren befestigt ist, Sie lässt es nicht mehr los. Der Ladenbesitzer versucht sie loszuwerden, wir bitten ihn, den Preis für das Brause-Püppchen zu unseren Sachen dazuzurechnen. Auch Kinder, die erwachsen sein müssen, sind immer noch Kinder, denke ich traurig.

Sarajevo
Sarajevo
Sarajevo Teestube
Sarajevo Teestube
Sarajevo Nationalbibliothek
Sarajevo Nationalbibliothek

Die dritte Erinnerung aus dem Land ist der Krieg. Auf unseren Fahrten von Stadt zu Stadt fällt auf: Jedes noch so kleine Dorf hat einen großen Friedhof. In Sarajevo besuchen wir das Grab Alija Izetbegovics. Für uns Muslime ist er eine wichtige Persönlichkeit. Als wir ankommen beginnt es zu schneien. Unser Reiseführer erzählt uns die Lebensgeschichte des Mannes. Wir sprechen Gebete, verbringen also eine ganze Weile an diesem Ort. Wir stehen umgeben von weißen Marmorgrabsteinen und der Schnee fällt, weißer Marmor, weißer Schnee, auf einmal ist alles weiß. Den Hang hinauf, den Hang hinab um uns nur Weiß, der Reiseführer spricht, dazu nur das Geräusch fallenden Schnees, die Welt scheint still zu stehen auf diesem Friedhof, es ist wie auf einem anderen Planeten, das Leben schweigt, es weiß, hier gehört es nicht hin, hier ist Tod, schmerzhafte Erinnerung, erloschenes Leben, Trauer. Die Namen auf den Steinen fast nur Männer, kaum einer älter als 30. Ich versuche mir vorzustellen, was für ein Leben sie wohl geführt haben mochten. Doch wir, die wir in Sicherheit, Frieden und Überfluss aufwachsen, wissen eigentlich nichts vom Leben, und erst recht nichts vom Tod, vom Krieg ganz zu schweigen. Dasselbe Gefühl stellt sich an dem Ort ein, an dem der lebensrettende Tunnel aus dem 1425 Tage lang belagerten Sarajevo endete. Er liegt ein wenig außerhalb der Stadt in der Nähe des Flughafens. Wir sehen einen Film mit Originalaufnahmen aus der Zeit, wie der Tunnel gebaut wurde, wie Flüchtlinge aus der Stadt kommen, wie Lebensmittel und Medikamente in die Stadt gebracht werden, wie die Stadt beschossen und bombardiert wird. Ich sehe in die Gesichter der jungen wie alten Männer und frage mich, was wohl wäre, wenn bei uns Krieg ausbräche und von heute auf morgen mein Vater, mein Bruder eine Waffe bedienen müssten. Mein Herz krampft sich zusammen beim Gedanken daran, ich wüsste die beiden im Krieg. Danach gehen wir durch ein kurzes Stück des Tunnels von damals. Man muss gebeugt gehen, so niedrig ist er, in der Breite passt eine Person gerade so durch. Der Anblick des Hauses, in dessen Garten der Tunnelzugang verborgen war, schmerzt, es ist absichtlich in dem Zustand belassen worden, wie es der Krieg zurückgelassen hat: Von Putz ist keine Rede mehr, es ist übersät mit Einschusslöchern, stellenweise sind ganze Mauerstücke herausgeschossen worden. All diese Relikte, stumme Zeugen des Schreckens wie das Haus oder das Tunnelstück sind bewusst „erhalten“ worden, für uns Kriegstouristen, denke ich schockiert, was für ein furchtbares Wort, und doch sind wir hier nichts anderes, je trauriger die Geschichten, desto mehr bilden wir uns ein, wir verstünden, oder fühlten gar mit. Mir jedoch wird mehr und mehr bewusst: Wir wissen nichts vom Leben, nichts von diesen Leuten und schon gar nichts vom Krieg. An unserem letzten Tag fahren wir nach Srebrenica. Unser Reiseführer erzählt auf dem Weg, dass sich bei Ausbruch der Konflikte selbst Eheleute gegeneinander wandten, weil die Frau bosnisch-muslimisch und der Mann serbisch-christlich war, oder umgekehrt. Dass Nachbarn sich bekämpften. Menschen, mit denen man seit Jahren friedlich-freundschaftlich Tür an Tür lebte, Menschen, mit denen man im selben Bett geschlafen hatte! Was passiert, wenn wir unsere Verbrüderung in der Menschheit vergessen?, frage ich mich und bekomme die Antwort in den darauffolgenden Stunden in entsetzlicher Heftigkeit präsentiert: Srebrenica passiert. Und jedes Wort über Srebrenica ist zu viel, ist zu laut, ist zu lebendig, denn Srebrenica sind über 8000 schneeweiße Grabsteine, kühler Marmor, quälend schweigende Namen, wir finden den Jüngsten unter ihnen: ein Säugling, wenige Monate alt.

Am Ende unserer Reise stehe ich am Fenster unseres Hotelzimmers und blicke auf die schneegepuderten Berge Sarajevos. Es ist Nacht geworden, wir haben unsere Koffer gepackt, morgen reisen wir ab, die Gedanken ziehen vorbei. Ich schaue in das Dunkel, das von Lichtern erhellt wird, Straßenbeleuchtung, vorbeirauschende Fahrzeuge, erleuchtete Zimmer in den Häusern. Ich betrachte die Lichter in den Bergen Sarajevos und muss an einen Sternenhimmel denken. „Auf Wiedersehen, meine Sterne von Sarajevo“, flüstere ich, „ich weiß, ich werde wiederkommen.“

Sarajevo Tunnelhaus
Sarajevo Tunnelhaus
Sarajevo Muslimischer Friedhof
Sarajevo Muslimischer Friedhof
Sarajevo
Sarajevo

F29 Sarajevo

Die Reise nach Bosnien und Herzegowina fand statt vom 02.–07. April 2015 mit der Jugendreisegruppe der IGMG (Islamische Gemeinschaft Milli Görüs).

Kontext

Bosnien Herzogowina

  • 3.791.622 Einwohner
  • Hauptstadt Sarajevo: 291.422, mit Agglomeration: 515.368
  • Amtssprachen: Bosnisch, Serbisch, Kroatisch
  • Parlamentarische Bundesrepublik

Bosnienkrieg

  • von 1992 bis 1995
  • etwa 100.000 Tote
  • Völkermord von Srebrenica mit bis zu 8000 ermordeten Menschen

Landkarte der Reise

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Saliha Soylu ist Autorin und Bloggerin. Saliha ist in Ludwigsburg aufgewachsen und schreibt schon seit vielen Jahren. Sie ist immer neugierig auf die Geschichten anderer Menschen und sie ist überzeugt, dass Kunst jeder Form das Leben und Denken eines Menschen verändern kann.

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

3 Kommentare zu „FLASHLIGHTS OF MEMORIES. Die Sterne von Sarajevo“

  1. wunderschön beschrieben! Ich wünschte diese Orte werde ich auch noch zu sehen bekommen! Der Einleitungssatz hat mir beinahe tränen in die Augen steigen lassen… Es ist ja so wahr!
    Ich muss gestehen das ich nicht alles gelesen habe, aber die Zeilen die ich gesehen habe waren es auf jedenfall wert, weiter so!

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