JIMMY – DER GEIST DES HUGO CHÁVEZ. VENEZUELA. TEIL 4

Hast Du das gehört? Soeben hat doch jemand “So a Schas”, gemurmelt. Oder bilde ich mir das alles ein. Tropenhitze am Orinoco kann tückisch sein. Und die 14-stündige Anfahrt von der Küste durch die unendlichen Weiten der Llanos-Ebene hierher nach Ciudad Bolivar, auch keine Kaffeefahrt. Schon der berühmte Weltvermesser Alexander Humboldt hat hier seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Ganz zu schweigen von den Besessenen auf der Suche nach Eldorado. Das sagenhafte Goldland, das irgendwo im nördlichen Südamerika liegt. Irgendwo im Amazonasgebiet, in der Unendlichkeit des Urwalds mit seinen mächtigen Flüssen und den unendlich verzweigten Nebenflüssen. Wie soll man sich da zurechtfinden.

Gran Sabana - Salto Angel

Eine fünfwöchige Reise im Jahr 2008 durch das Venezuela von Hugo Chávez aus Sicht zweier Österreicher. Dies ist Teil 4 “Jimmy“ der mehrteiligen Serie. Lies auch Teil 1 “Anreise” und Teil 2 „Einreise“ und Teil 3 „Busen“ 

Von Andreas Lehner. 

Jimmy

Hast Du das auch gehört? Soeben hat doch jemand “So a Schas”, gemurmelt. Oder bilde ich mir das alles ein. Tropenhitze am Orinoco kann tückisch sein. Und die 14-stündige Anfahrt von der Küste durch die unendlichen Weiten der Llanos-Ebene hierher nach Ciudad Bolívar, auch keine Kaffeefahrt. Schon der berühmte Weltvermesser Alexander Humboldt hat hier seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Ganz zu schweigen von den Besessenen auf der Suche nach Eldorado. Das sagenhafte Goldland, das irgendwo im nördlichen Südamerika liegen soll. Irgendwo im Amazonasgebiet, in der Unendlichkeit des Urwalds mit seinen mächtigen Flüssen und den unendlich verzweigten Nebenflüssen. Wie soll man sich da zurechtfinden? Irgendwann wurde Eldorado dann an den See Parime in Venezuela gesetzt. Vielleicht einfach aus Verzweiflung, weil sich alle immer unsicher waren. Ist es jetzt Eldorado oder nicht? Nehmen wir halt Parime und sagen einfach, dort ist es, Eldorado. Der Humboldt war da ein paar Jahrhunderte später mit seiner deutschen Gründlichkeit schon genauer und erklärte allen, dass Eldorado Blödsinn und ein einziger Irrtum sei. “Oida, so a Schas”. Schon wieder. Und noch einmal. “Schas”. Ich glaub’ ich spinn’. Zweifelsfrei, österreichischer Dialekt. Schimpfend und fluchend setzt er die Bierdose zum Trinken an und lässt sie für einige Sekunden nicht mehr los, bis er sie in seiner riesigen österreichischen Hand so zerquetscht, dass das letzte Lackerl in sein Gesicht spritzt und dann das platte Aluminium auf die Straße wirft. Der Mike, ganz aufmerksam, fragt gleich, ob er zu viel gesoffen hat bei der Hitze, wir seien hier nicht am Neusiedlersee und der Orinoco ist nicht die Donau-Insel. “Ausgraubt haben’s uns, die Arschlöcher. Ollas weg. Reisepass. Geld. Telefon, Kamera. Alles weg. Wir waren drüben am anderen Flussufer in einem Lokal was essen, verstehst. Direkt am Fluss. Sehr schön gelegen. Muss ma’ ihnen schon lassen. Lästig nur die Muckn. Des oba a schon des einzige. Gut besucht. So. Kommen ein paar junge Typen daher und halten mir a Puffn an die Stirn. Seine Companeros seelenruhig, nimmt einer nach dem anderen unser Gepäck. Rucksack, Taschen, alles. Eine Ruhe vor dem Herren, sag ich dir. Dann nimmt er die Puffn weg und geht mit seine Hawara. Da schaust natürlich amoi deppert. Und sitzt und schaust deppert geradeaus, nur ned die Augen bewegen, und wartest bis des kalte Metall endlich weg ist von deiner Stirn. Das wünsche ich keinem. Geholfen hat niemand. Ich glaub die haben alle genauso deppert gschaut wie ich und gewartet bis die Burschen wieder abhauen. Was soll ma machen. Is halt a Schas jetzt.” So. Unsere Pläne für den Nachmittag haben wir schnell geändert. Weil Plan war, ans andere Flussufer mit der kleinen Fähre und dort Fisch essen. Wenn man jedoch so offensichtlich Gringo ist, wie wir, dann kommt das am anderen Flussufer scheinbar einer Einladung gleich, und den Revolver an der Schläfe wollen wir uns an diesem heiß-schwülen Nachmittag ersparen.

Ciudad Bolivar - Orinoco
Ciudad Bolivar – Orinoco
Ciudad Bolivar
Ciudad Bolivar

Dann, lieber Reise planen. Wie soll es weitergehen? Selbst das Eldorado suchen, oder rein in den Canaima Nationalpark in die Gran Sabana zum höchsten Wasserfall der Erde, dem Salto Ángel? Das musst du dir einmal vorstellen. Der Wasserfall stürzt sich nahezu 1 km in die Tiefe, 979 m sind es ganz genau. Und da oben auf über 1000 m, erstreckt sich eine 700 km² weite Fläche. 700 km²! Da fehlt nicht viel und dieser gewaltige Tafelberg Auyan-Tepui wäre doppelt so groß wie die Fläche Wiens. Nur ohne Stephansdom und ohne Prater-Hauptallee. Dafür aber mit endemischen Lebewesen, also Lebewesen, die nur in ganz bestimmten, klar abgegrenzten Umgebungen leben. Die findet man sonst nirgendwo anders auf der Welt, haben sich ihrer Lebensumgebung angepasst und ganz bestimmte, teilweise sonderbare Eigenheiten entwickelt. So gesehen, doch wieder ein bisschen was von Wien. Wir fahren zum Flughafen in Ciudad Bolívar. Ich traue meinen Augen nicht. Eine Stunde Flug nach Canaima, wo sich das Basiscamp für die Tour zum Wasserfall befindet. Normalerweise eine Stunde Fliegen kein Problem, aber mit einer 6-Sitzer-Cessna großes Problem. Am Flughafen steht noch das Flugzeug von Jimmy Angel aus dem Jahre 1937, nicht viel größer als unsere schnuckelige Cessna. Was dem Jimmy im Oktober 1937 aber passiert ist, ist ein Unglück. Der Jimmy versuchte nämlich auf dem riesigen Tepui eine Landung hinzulegen. Die Landung gelang, allerdings im tiefen Schlamm, und so war ein erneutes Abheben unmöglich. Jetzt musst du dir vorstellen, du hängst dort oben fest. 700 km² weit, über 1000 m hoch. Ohne Flugzeug. Keine Ahnung von der Umgebung, weil kein Google Maps, 1937, und nicht einmal der Humboldt hat diesen Flecken Erde auf seinen Expeditionen kartografiert. Die Male zuvor hat der Jimmy die Maschine einfach wieder gestartet und im Sturzflug vom Tepui wieder hochgejagt. Jetzt aber Fußmarsch. Elf Tage lang dauerte das, bis sie über eine Steilstufe wieder in den Urwald gelangten und dann von irgendeinem Dorf gefunden wurden. So nebenbei, wahrscheinlich hast du es schon längst bemerkt: Salto Ángel und Jimmy Angel, das ist kein Zufall, nein der Wasserfall ist nach Jimmy benannt. Dem Hugo Chávez war das gar nicht recht, und hat einmal angeordnet, dass der Wasserfall wieder seinen originalen Namen zurück bekommen soll: Kerepakupai Merú, eine Bezeichnung aus der Sprache der indigenen Pemón. Weil das aber niemand aussprechen kann und sich schon gar nicht merken kann, steht im Lonely Planet noch immer Salto Ángel.

Gran Sabana
Gran Sabana
Gran Sabana
Gran Sabana

Schau, wie schön das ist. Die Flüsse, wie sie sich durch das dichte Grün schlängeln. Kreuz und quer. Zwei Tafelberge da hinten am Horizont. Uii, und neben uns noch eine Cessna. Und schau wie freundlich, die winken uns zu. Und die Sonne, wie sie durch die Wolken blinzelt und den Tepui in Szene setzt, als wäre es jetzt Zeit für sein Solo auf der großen Urwaldbühne. Gewaltig. Hoppla! Sind wir noch in der Luft? Mir wird ganz warm, zu Schwitzen fang’ ich an. Sind noch alle hier? Mike? Bist Du hier? Kleines Indianermädchen bist du noch hier? Sind wir gelandet? Der Pilot grinst breit mit seinen viel zu großen Kopfhörern und streckt mir seinen Daumen hoch entgegen. Ich drehe mich sofort weg von ihm und suche Ablenkung im Naturschauspiel unter uns, das schön langsam in einem monotonen Grau verschwindet, weil der grinsende Pilot unbedingt durch die Wolken fliegen muss. Als ich die Augen wieder öffne, liege ich schon in einer Hängematte und schaukle langsam hin und her, weit über mir der Sternenhimmel der Gran Sabana. Morgen fahren wir zum Wasserfall. Der Einbaum bringt uns hin, durch Stromschnellen und dichtem Urwald und vorbei an wundervollen Tepuis, tief hinein in das Reich von Mutter Erde.

Gran Sabana - Canaima
Gran Sabana – Canaima
Gran Sabana - Salto Angel
Gran Sabana – Salto Angel
Gran Sabana
Gran Sabana

Schauplätze von „Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela“ auf Google Maps

Alle Schauplätze Maps - Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.
Alle Schauplätze auf Google Maps – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.

Text und Fotos: Andreas Lehner

Lies HIER Teil 1, Anreise

Lies HIER Teil 2, Einreise

Lies HIER Teil 3, Busen

Finde mehr Texte und Fotos von Andreas Lehner HIER auf seiner Autorenseite.

Kontext – Allgemeines über Venezuela

  • 28.868.486 Einwohner
  • Hauptstadt: Caracas
  • Amtssprache: Spanisch
  • Politik: Aktueller Präsident ist Nicolas Maduro. Seit Anfang 2014 gibt es im Land immer wieder Protestwellen gegen Maduro. Das Land befindet sich erneut in einer schweren Krise
  • Geographie: Die Natur Venezuelas ist abwechslungsreich und von umwerfender Schönheit. Zahlreiche Nationalparks und das Orinoco-Delta zählen zu den bedeutendsten und artenreichsten Naturreservaten weltweit.
  • Wirtschaft: Das Land lebt in erster Linie vom Erdöl-Vorkommen. Die Hälfte des der Staatseinnahmen stammen aus dieser Industrie. Das größte Unternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA) mit 80 000 Mitarbeitern ist ebenfalls in der Erdöl-Industrie tätig.

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

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