BUSEN – DER GEIST DES HUGO CHÁVEZ. VENEZUELA. TEIL 3

Es ist langes Wochenende in Venezuela. Langes Wochenende bedeutet, dass alle Hotels ausgebucht sind, alle Busse voll sind und man eng zusammenrücken muss. Und trinken muss. Flaschenweise Rum, leicht gestreckt mit Coca Cola und verfeinert mit Limetten. Am besten schon im Bus, während der Fahrt hinein in den prächtigen Henri Pittier Nationalpark nach Puerto Colombia an den Palmenstrand.

Puerto Colombia - Venezuela

Eine fünfwöchige Reise im Jahr 2008 durch das Venezuela von Hugo Chávez aus Sicht zweier Österreicher. Dies ist Teil 3 “Busen“ der mehrteiligen Serie. Lies auch Teil 1 “Anreise” und Teil 2 „Einreise“.

Von Andreas Lehner. 

Busen

Es ist langes Wochenende in Venezuela. Langes Wochenende bedeutet, dass alle Hotels ausgebucht sind, alle Busse voll sind und man eng zusammenrücken muss. Und trinken muss. Flaschenweise Rum, leicht gestreckt mit Coca Cola und verfeinert mit Limetten. Am besten schon im Bus, während der Fahrt hinein in den prächtigen Henri Pittier Nationalpark nach Puerto Colombia an den Palmenstrand. Der Bus ist bunt bemalt und geschmückt mit Glitzergirlanden, da glaubst du, du bist in den Gurktaler Alpen auf der Fahrt zum Villacher Fasching. Und singen können die, die jungen Venezolaner und Venezolanerinnen. Jedes Lied können die auswendig mitsingen von der ersten bis zur letzten Strophe. So etwas würde man sich von der österreichischen Fußballnationalmannschaft auch einmal wünschen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die österreichische Bundeshymne die Augenlider mit aller Gewalt zum Zumachen zwingt, während hier im Bus der wummernde Bass aus dem mächtigen Auto-Soundsystem genau das Gegenteil bewirkt. Mit weit aufgerissenen Augen starrt man aus dem Fensterrahmen ohne Fensterglas in die Dunkelheit des Bergurwalds. Da spüre ich ein zartes Klopfen auf meiner Schulter. Ich drehe mich um, wird mir eine Zweiliter-Flasche in die Hand gedrückt. Ohne zu zögern, nehme ich einen gewaltigen Schluck. Gut steht dir der glitzernde Schweiß unter deinen großen Augen. Ich verliere mich im Vollmond. Der spiegelt sich nämlich in den großen Augen und in den Millionen feinen Schweißperlen, die sich wie ein feines Netz ausbreiten über ihr Gesicht, über den Hals, bis tief hinein in ihr großzügig geschnittenes Dekolleté. Der Mond wird größer. Manchmal blinkt er auch rot und gelb, dann, wenn ein Auto entgegen kommt oder ein Motorrad uns halsbrecherisch am schmalen Weg überholt. Ich bemühe mich um einen weiteren besonders großen Schluck. Es verzieht mir das Gesicht, da macht es einen Rumms, die Flasche raus aus dem Fenster, Himmel Herrgott noch einmal, was war in dieser Flasche drinnen, dass es beim Rausfallen beinahe den ganzen Bus in die Luft sprengt. Der Bus kommt zum Stehen. Gejaule. Geschrei. Buhrufe. Spielabbruch. Protest. Musik aus. Party over. War’s das mit dem Palmenstrand? Eine Nacht mitten im Bergurwald in Badehosen? Ein Moment der Unachtsamkeit, diese Rumflasche, dass die aber auch so einen Wirbel schlägt. Und das zarte Wesen, das mir das alles eingebrockt hat, nun Rumflasche zurück, por favor. Aber leider weg. Die Ersten hüpfen aus dem Bus und inspizieren. Der Bus nahe am Abgrund in die Bergurwaldschlucht. Reifen platt. Wagenheber ansetzen. Ersatzreifen montieren. Alles halb so wild. Motor an. Soundsystem an. Palmenstrand.

Henri Pittier Nationalpark - Venezuela
Henri Pittier Nationalpark – Venezuela
Anreise mit Panne - Henri Pittier Nationalpark - Venezuela
Anreise mit Panne – Henri Pittier Nationalpark – Venezuela

Davon hast du sicher schon gehört. Dass Venezuela eines der Länder ist, mit der höchsten Anzahl an künstlich gemachten Titten. Und dass Venezuela das Land ist, mit den meisten Miss World Titeln. Österreich hat bisher nur zwei Mal gewonnen, Ulla Weigerstorfer 1987, und 1969 Eva Rueber-Staier aus Bruck an der Mur. Die Eva durfte als Belohnung dann immerhin dreimal bei James Bond mitspielen. Das muss man schon hervorheben. Die Namen der venezolanischen Gewinnerinnen kenne ich jetzt nicht, klingen aber sicher aufregender als Weigerstorfer oder Rueber-Staier aus Bruck an der Mur. Was ja nichts heißen mag, weil Naturschönheit aus der Steiermark bleibt Naturschönheit aus der Steiermark. Mit der Natur, wie gesagt, nehmen es die Frauen in Venezuela nicht so genau, mit den Titten in Form dafür umso mehr. Da begegnen dir schon am Weg zum Strand Verkaufsstände die mit Tetas de Coco werben. Du hast sicher schon einmal Werbung für plastische Chirurgie gesehen. Oder im Fernsehen, eine Reportage wie “Der geplatzte Traum vom perfekten Busen”. Da werden dann große und weniger große Palstikbeutelchen gezeigt. Der Chirurg lässt sie durch die Hand gleiten und drückt und quetscht sie um die besondere Elastizität zu demonstrieren. So eine Teta de Coco ist ähnlich. Auch ein Plastikbeutelchen, in groß oder weniger groß, vielleicht nicht ganz so elastisch, weil der Inhalt gefroren, dafür aber umso schmackhafter, da der Inhalt Kokuswasser. Erfrischend. Der Strand könnte schöner nicht sein. Jetzt denkst du dir sicher, Strand, Frauen, plastische Chirurgie, Tetas de Coco, wie soll es da am Strand nicht schön sein, ist doch claro. Doch da muss ich dir sagen, täusche dich mal nicht. Denn so einem schönen Busen, darf es am Rest auch nicht fehlen. Und wenn der Rest so aussieht, wie aus einer Reportage für Adipöse, dann sind das zwei Welten, die genauso wenig zusammenpassen wie der sozialistische Hugo Chavez und sein Lieblingsfeind der imperialistische Teufelsstaat USA. Hier scheinen die zwei Welten trotzdem zusammenzufinden. US Fast Food Ketten verbreiten sich über das ganze Land, Venezuela genießt und wurde so zu einem der Länder mit der größten Zahl an Fettleibigen. Die nächsten Tage verbringen wir mit viel sportlicher Aktivität als Vorbereitung für die Tour zum höchsten Wasserfall der Welt, dem Salto de Angel.

Puerto Colombia - Venezuela
Puerto Colombia – Venezuela
Puerto Colombia - Venezuela
Puerto Colombia – Venezuela
Puerto Colombia - Venezuela
Puerto Colombia – Venezuela

Schauplätze von „Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela“ auf Google Maps

Alle Schauplätze Maps - Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.
Alle Schauplätze auf Google Maps – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.

Text und Fotos: Andreas Lehner

Lies HIER Teil 1, Anreise

Lies HIER Teil 2, Einreise

Finde mehr Texte und Fotos von Andreas Lehner HIER auf seiner Autorenseite.

Kontext – Allgemeines über Venezuela

  • 28.868.486 Einwohner
  • Hauptstadt: Caracas
  • Amtssprache: Spanisch
  • Politik: Aktueller Präsident ist Nicolas Maduro. Seit Anfang 2014 gibt es im Land immer wieder Protestwellen gegen Maduro. Das Land befindet sich erneut in einer schweren Krise
  • Geographie: Die Natur Venezuelas ist abwechslungsreich und von umwerfender Schönheit. Zahlreiche Nationalparks und das Orinoco-Delta zählen zu den bedeutendsten und artenreichsten Naturreservaten weltweit.
  • Wirtschaft: Das Land lebt in erster Linie vom Erdöl-Vorkommen. Die Hälfte des der Staatseinnahmen stammen aus dieser Industrie. Das größte Unternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA) mit 80 000 Mitarbeitern ist ebenfalls in der Erdöl-Industrie tätig.

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

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