Republik Moldau in Europa – Über nationale Identität, Politik und Zukunft

Von Maya Kristin Schönfelder. Menschenhandel, Armut, Wanderarbeiter – das waren die Schlagworte, die ich bis zum November 2014 mit der Republik Moldau verband. Das heißt, so habe ich das Land gar nicht genannt. Wie wahrscheinlich vielen Menschen im deutschen Sprachraum war mir der offizielle Name des Landes vollkommen unbekannt, so dass ich auch nach meiner Ankunft in der Hauptstadt Chişinău unbeirrt von Moldawien redete. Sehr zum Verdruss unserer Dolmetscherin Mila Corlateanu, die unsere Reisegruppe am Flughafen empfing und uns die ganze Woche begleitet hat. Wir, das war eine Gruppe Journalistinnen und Journalisten, die von n–ost (www.n-ost.org), dem Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung, für eine Recherchereise nach Moldau ausgewählt worden war.

Bus, Chișinău, Moldau

Von Maya Kristin Schönfelder. 

Menschenhandel, Armut, Wanderarbeiter – das waren die Schlagworte, die ich bis zum November 2014 mit der Republik Moldau verband. Das heißt, so habe ich das Land gar nicht genannt. Wie wahrscheinlich vielen Menschen im deutschen Sprachraum war mir der offizielle Name des Landes vollkommen unbekannt, so dass ich auch nach meiner Ankunft in der Hauptstadt Chişinău unbeirrt von Moldawien redete. Sehr zum Verdruss unserer Dolmetscherin Mila Corlateanu, die unsere Reisegruppe am Flughafen empfing und uns die ganze Woche begleitet hat. Wir, das war eine Gruppe Journalistinnen und Journalisten, die von n–ost (www.n-ost.org), dem Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung, für eine Recherchereise nach Moldau ausgewählt worden war.

Nationale Identität in der Vielfalt von Sprachen und Reisepässen

Mila ist ein Sprachtalent – sie spricht fließend Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. Und zwar auf muttersprachlichem Niveau. Doch ihre Muttersprache ist rumänisch, auch wenn diese je nach politischer Lage in der Republik Moldau in der Verfassung bis vor kurzem „moldawisch“ genannt wurde – was im Land ein ständiger Streitpunkt bleibt.

Das Rumänische in Rumänien und das in Moldawien gleichen sich ungefähr so wie das Deutsche in Deutschland und in Österreich. Man versteht sich also, trotz aller Unterschiede in Aussprache und Wortschatz. Bei der Sprachenfrage geht es offenbar um etwas anderes, und das hat vor allem etwas mit der Geschichte der letzten 30 Jahre und dem Ringen um die nationale Unabhängigkeit des Landes zu tun.

„Unsere Sprache, die Rumänische“ heißt der offizielle Feiertag am 31. August. An diesem Tag im Jahr 1989 wurde Rumänisch in der damaligen Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik Amtssprache. In der Verfassung definierte man die Sprache dann als „moldawisch“. Kurz darauf erlaubte die Zentralregierung in Moskau die Rückkehr zum lateinischen Alphabet. Seit 1930 mussten die Moldawier das kyrillische Alphabet für ihre Muttersprache verwenden. Verschwunden sind die Kyrilliza aus dem Alltag nicht – was auch daran liegt, dass etwa 30 Prozent der 3,5 Mio Einwohner Moldaus Russisch als Alltagssprache nutzen. Vor allem im Norden des Landes, in Gagausien und in der abtrünnigen Region Transnistrien ist Russisch weiterhin die Nummer 1.

Vor allem junge Leute sind jedoch wie Mila vielsprachig. Dass das so ist, hat auch geographische Gründe: Denn nur mit einer Sprache kommt man nicht sehr weit, wenn man in Moldau geboren ist. Das Land erstreckt sich gerade mal 350 km von Norden nach Süden und 150 km von West nach Ost. Im Westen grenzt das Territorium an Rumänien, der Rest ist von der Ukraine umgeben. Nach Schätzungen sind derzeit bis zu 20% der Bevölkerung im Ausland unterwegs – zum Studium oder zum dauerhaften Arbeiten. So genau lässt es sich nicht sagen, da viele Bürger Moldaus mehrere Pässe besitzen und damit in dem jeweiligen Land als Staatsbürger gelten, wenn sie dort arbeiten oder studieren.

Die Passvielfalt betrifft nicht nur die russischstämmige Bevölkerung, die in der Regel neben dem moldawischen auch den russischen Pass beantragen und damit bei einer Einreise nach Russland als Einheimische registriert werden. Auch die Länder Rumänien und Bulgarien verteilen großzügig ihre Staatsbürgerschaften an Moldauer, die man als ethnische Mitbürger ausgemacht hat. Das funktioniert ungefähr so, wie das Deutschland in den Achtzigern und Neunzigern mit den Aussiedlern praktiziert hat: Wer eine bulgarische Oma hat oder wessen Uropa vor Sowjetzeiten in dem Teil Moldaus gelebt hat, der damals zu Rumänien gehörte, der erhält den jeweiligen Pass und damit volle Arbeits- und Reise-Freizügigkeit in der EU.

Seit April 2014 dürfen sich auch die wenigen, die weder russische noch rumänische noch bulgarische Wurzeln haben, über Reisefreiheit freuen. Seitdem gilt der Pass der Republik Moldau dank Assoziierungsabkommens mit der EU auch in Europa wieder was: Die Visumspflicht wurde abgeschafft. Für Mila bleibt das etwas Besonderes, obwohl sie selbst schon längst einen rumänischen Pass hätte beantragen können und auch vorher schon in Westeuropa war. „Jetzt fühle ich mich an der Grenze gut. Am Flughafen fragt man mich nur, oh, ein moldawischer Pass, das sehe ich zum zweiten Mal. Die sagen nicht, wieso ohne Visum? Die sind schon vorbereitet, dass wir das Recht haben. Ich finde, das ist das Beste bis jetzt, was in unserer EU-Annäherung geschehen ist.“

Die Befreiung vom Moskauer Joch und europäische Integration

Dass sich Moldawien überhaupt an die EU annähert (oder umgekehrt), war in meinem unmittelbaren Bekanntenkreis eine Nachricht mit Neuigkeitswert. Obwohl derzeit ja viel über die Republik Moldau berichtet wird im Zusammenhang mit der Konfrontation zwischen EU und Russland (bei der das Land gerade wie der Senf aus dem Bratwurstbrötchen gedrückt zu werden droht). Die meisten Deutschen dürften dennoch schon bei der Frage überfordert sein, wo das Land genau liegt. Um ehrlich zu sein, vor meiner Reise war ich sehr dankbar für den Artikel auf rundenreisen.org – dass es so etwas wie eine Pizzeria in Chişinău gibt, überstieg damals schlicht meine Vorstellungskraft.

Einer unserer vielen Termine ist mit dem Bürgermeister von Chişinău, Dorin Chirtoaca, der aktuell im zweiten Wahlgang um seine Wiederwahl kämpft. Er ist ein erklärter Freund Rumäniens und liebt den demonstrativ hemdsärmeligen Auftritt, der beiläufig wirken soll, aber nichts dem Zufall überlässt. Auf seinem Besprechungstisch türmen sich die Akten. In einer Vitrine lehnt ein Holzkreuz vor der Urkunde über die Städtepartnerschaft Chişinăus mit Mannheim. Über seinem Schreibtisch hängt ikonengleich ein Foto von Doina und Ion Aldea Teodorovici. Das in Moldau kultisch verehrte Sängerpaar kam 1992 bei einem Autounfall ums Leben. Bis heute wird spekuliert, ob der KGB seine Finger im Spiel hatte.

Die Befreiung seiner Heimat vom Moskauer Joch, das ist Dorin Chirtoacas Lebensthema. Sein Traum ist der Beitritt Moldaus zur Europäischen Union. “Das wäre ein Schritt hin zur Gerechtigkeit. 1940 wurde unser Land durch den Hitler-Stalin-Pakt geteilt. Russische Truppen besetzten Moldau, Bessarabien, genau wie das Baltikum. Die EU hat ein Rezept entwickelt, dieses historische Problem zu lösen.“

Dorin Chirtoaca sieht gar ein ähnliches Schicksal für Moldau, wie es die Krim erlebt hat, wenn sein Land nicht Richtung Europa geht. Auch, weil historisch betrachtet die Republik Moldau ein Konstrukt ist, von dem sich nicht nur der russische Zar und später die Bolschewiken, aber auch andere Großmächte immer wieder Teile einverleibt hatten. „Die europäische Integration ist der einzige Weg, diese Grenzverschiebungen zu beenden. Denn in Europa sind Regierungen nur regionale Institutionen. Das ist die Lösung.“

Interessanterweise erscheint die EU in Moldau nicht nur Dorin Chirtoaca als Wunderwaffe. Und zwar mal zur Abwechslung nicht, weil ein Beitritt über Nacht alle wirtschaftlichen Probleme lösen könnte. Sondern weil die Menschen in Moldau der Meinung sind, dass damit der Korruption im Land Einhalt geboten werden könne. Experten halten Moldau nicht ohne Grund für eine Hochburg der Korruption in Europa. Die Bevölkerung teilt offenbar diese Ansicht. Nach aktuellen Umfragen haben 70 Prozent der Moldauer das Vertrauen in ihre Politiker verloren. Das offizielle Durchschnittseinkommen in Moldau liegt je nach Quelle zwischen 160 und 200 Euro (Schätzungen, aufgrund einer mangelnden Steuermoral sind die Zahlen nicht in Stein gemeißelt). Die Preise in den Supermärkten unterscheiden sich nur wenig von denen in Deutschland, zumindest für vergleichbares Angebot. Viele Familien, vor allem auf dem Land, heizen im Winter nur ein Zimmer. Ohne die Transferleistungen ihrer im Ausland arbeitenden Verwandten müssten viele Menschen Hunger leiden. Die Fahrzeuge auf den Straßen von Chişinău hingegen künden von goldenen Exportbilanzen für die deutsche Autoindustrie.

Mila zum Beispiel verbindet mit der Idee, von Brüssel aus regiert zu werden, ganz klar die Vorstellung von Recht und Ordnung für den einzelnen Bürger. Weshalb ihr der Verlust der nationalen Souveränität als angemessener Preis erscheint. „Also wir werden klar unsere Rechte aufgeben, aber dann die Rechte von Bürger werden genauso wie die Rechte von EU-Bürgern respektiert. Also in Europa ist multikulturelle Gesellschaft wirklich wertvoll. Moldau ist Europa: Wir sind multinational und multisprachlich. Wir haben viele Voraussetzungen, um ein Teil Europas zu sein.“

Natürlich ist allen Beteiligten sonnenklar, dass die EU mit ihrer Annäherungspolitik zunächst einmal eigene territoriale Interessen verfolgt. Schließlich liegt Moldau unmittelbar an der Grenze zu Putins Einflussbereich. Zumal die russischsprachige Bevölkerung sich, auch aufgrund von historischen Fehlern des jungen Staates, stark Richtung Russland orientiert. So konsumieren von ihnen viele ausschließlich russischsprachige Nachrichtensendungen aus Russland. Klar, dass die Verantwortlichen dort zielgruppengenau Informationen streuen.

Doch auch die rumänischstämmige Bevölkerung sieht durchaus die Gefahr, die ein Machtkampf mit Putin direkt vor seiner Haustür bedeutet. Die Alternative zur EU-Annäherung wäre der Beitritt zu einer Zollunion mit anderen ehemaligen Sowjetrepubliken – unter der Führung von Russland. (Kann der EU also kaum gefallen.) Dass dieser Idee nicht nur eine Minderheit anhängt, haben die Parlamentswahlen im November 2014 und die Bürgermeisterwahlen im Frühsommer 2015 gezeigt, wo die europäisch orientierten Parteien nur knapp gewannen bzw. ihre Vertreter die Rathäuser zugunsten von prorussischen Kräften verlassen mussten.

Die Müllabfuhr als Chance für die Zukunft

Wer sehen will, wie die Menschen in Moldau wirklich leben (und warum ein Beitrittsprozess so wahrscheinlich ist wie meine Wahl zur Kanzlerin), sollte bei einem Besuch im Land unbedingt versuchen, auf ein Dorf zu fahren. Selbst nahe an Chişinău gelegene Orte sind zum Beispiel nicht an die Kanalisation angeschlossen, um nur ein Beispiel zu nennen. Dass Lilian Carmanu deshalb nach Europa schaut, wundert wenig. Der 37-jährige ist seit 2011 für die „Demokratische Partei“ Bürgermeister von Mileștii Mici. (Und kämpft aktuell um seine Wiederwahl.)

Er empfängt uns mit Wurstbroten, Bonbons und hausgemachtem Wein. Und erzählt uns von einem Projekt, das seine 5200 Bürger über Nacht in die Zukunft katapultiert hat: Seit einiger Zeit gibt es in Milestii Mici nämlich eine Müllabfuhr. Vorher stapelte sich der Unrat einfach vor den Häusern oder an verschiedenen wilden Müllhalden im Dorf, die dann immer mal wieder in Brand gesteckt wurden, um Platz zu schaffen. Carmanu war vor ein paar Jahren in Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Damals war Klaus Iohannis, heute der Präsident Rumäniens, dort noch Bürgermeister. Der hatte Hermannstadt innerhalb weniger Jahre zu einer Musterstadt ausgebaut. Inklusive Müllabfuhr. Mit seiner Hilfe entwickelte Lilian Carmanu ein Projekt und beantragte Geld. Jetzt fährt ein Müllauto durch den Ort, vor jedem Haus steht ein Müllcontainer. Jeder Haushalt 8 zahlt Leu pro Kopf und Monat, umgerechnet sind das etwa 40 Euro-Cent. Weil das nicht kostendeckend ist, verkauft das Rathaus an die Dorfbewohner abgefülltes Trinkwasser. Die Höfe hier haben nur Brunnen. Carmanus Plan für die ferne Zukunft ist eine Anlage zur Müllaufbereitung. Dann könne man auch mit Müll Geld verdienen.

Auch Lilian Carmanu besitzt einen rumänischen Pass und damit volle Freizügigkeit in der EU. Doch weg will er auf keinen Fall. Seine Schwester wurde vor vielen Jahren nach Italien zum Arbeiten geschickt von seinen Eltern. Heute lebt sie dort, zusammen mit der Mutter. Seine Eltern, erzählt er, hätten sich damals entscheiden müssen, welches ihrer Kinder sie zum Arbeiten in die Welt schicken. Das soll seinen Kindern (sie sind neun und drei Jahre alt) mal nicht passieren. „Ich möchte nicht, dass sie einmal vor der gleichen Wahl stehen wie meine Schwester und ich. Sie sollen ins Ausland fahren, aber nur zum Studieren oder um Urlaub zu machen. Vielleicht gibt es bis dahin für uns gar keine Grenzen mehr.“

Mila hingegen wünscht sich für die Zukunft vor allem, dass ihre Landsleute die geographische Lage ihres Landes – zwischen Osten und Westen – als Pfund sehen, von dem sie profitieren können. Statt ständig über die Zerrissenheit der Gesellschaft zu lamentieren. „Mein Traum wäre, dass die Leute nicht nur darüber nachdenken, welche Richtung wir jetzt nehmen wollen und wem wir uns anschließen. Sondern sich auf ihr eigenes Land konzentrieren: Ein unabhängiges Land, das seine Probleme und seine Aufgaben hat. Ich sehe Moldau in zehn Jahren selbstbewusster.“

Visual Voyage durch Chișinău und Moldau

Text und Fotos: Maya Kristin Schönfelder

Mehr von Maya auf rundenreisen.org: Visueller Rundgang – Der Obstgarten der Sowjetunion – Heute: Republik Moldau

Maya Kristin Schönfelder ist Autorin und Journalistin aus Berlin. Als Osteuropa-Expertin berichtet sie regelmässig mit Reportagen und Dokumentationen für renommierte Medien, u.a für das Kulturradio des RBB (http://www.kulturradio.de/). 

Musik aus Moldau – Doina und Ion Aldea Teodorovici

Ein komplettes Album des kulthaft verehrten Gesangsduos aus der Republik Moldau, Doina und Ion Aldea Teodorovici

Landkarte der Republik Moldau

Landkarte - Moldau - Chisinau
Landkarte – Moldau – Chisinau

Kontext – Allgemeines über die Republik Moldau

  • 3.153.731 Einwohner
  • Hauptstadt: Chișinău
  • Amtssprache: Rumänisch, regional auch Russisch, Gagausisch, Ukrainisch
  • Staatsform: Parlamentarische Republik

Mehr aus Moldawien auf rundenreisen.org

Visual Voyage in Moldawien – https://rundenreisen.org/2015/07/21/der-obstgarten-der-sowjetunion-heute-republik-moldau/

Visueller Rundgang Chișinău – https://rundenreisen.org/2014/10/28/chisinau-moldawien-andys-pizza-und-das-lachende-billboard-model/

Weiterführende Links

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

2 Kommentare zu „Republik Moldau in Europa – Über nationale Identität, Politik und Zukunft“

    1. Danke für den Kommentar. Es ist in der Tat eine Spitzenreportage! Maya ist auch eine erfahrene Journalistin und Osteuropaexpertin..ein wahres Vorbild…ich habe im Beitrag von Maya auch Links gesetzt zu weiteren Reportagen und Dokus, die sie gemacht hat..bzw. zu ihrem persönlichen Blog http://outforawalk.org/

      LG Andreas (Herausgeber rundenreisen.org)

      Gefällt mir

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