Ein Sammelsurium von Eindrücken aus Guatemalas Alltag

Eindrücke aus Guatemalas Alltag bei einer mehrwöchigen Reise durch das faszinierende Land in Mittelamerika mit bewegter Vergangenheit.

Von Michael Stöger. Im Oktober 2014 hatte ich endlich die lang ersehnte Chance in das Land und die Kultur Guatemalas, welches ich bei einem Kurzbesuch im Jahr 2003 schon kennen lernte, tiefer einzutauchen. Ein Sammelsurium von Eindrücken aus Guatemalas Alltag.

Guatemala Heute – Statistisches

Guatemala umfasst 14 Millionen Einwohner. 40% davon können der Maya-Bevölkerung zugeordnet werden, 59% sind Mischlinge und 1% fallen unter Sonstige.Der Großteil der Maya-stämmigen Bevölkerung pflegt nach wie vor eine der Maya-Sprachen, viele sprechen sie perfekt, auch jüngere Personen um die 30 Jahre unterhalten sich gerne untereinander in der indigenen Sprache (es sprechen aber beinahe fast alle Leute gut Spanisch).

Probleme im Land

Die folgende Auflistung basiert auf individuellen Beobachtungen.

  • Machismo: Gewalt/Unterdrückung von Frauen
  • Unter/Mangelernährung
  • Hohe Gewaltbereitschaft aufgrund der Erfahrungen im Bürgerkrieg. Zudem ist Guatemala Transitland auf der Drogenroute nach Mexiko (Bandenkriege)
  • Schutzgelderpressungen und Anschläge gegen Busfahrer
  • Illegale Migration nach USA/Mexiko

Die lange Leidenszeit des guatemaltekischen Bürgerkriegs

Der guatemaltekische Bürgerkrieg, ausgelöst durch die extremen sozialen Gegensätze im Land und Militärdiktaturen, dauerte von 1960 bis 1996. Der Bürgerkrieg scheint eine direkte Folge eines von den USA mitgetragenen Militärputsches im Jahr 1954 zu sein. Präsident Jacobo Árbenz Guzmán (1950-1954) führte erfolgreich eine umfangreiche Landreform durch, bei der ungenutzter Großgrundbesitz, unter anderem der US-amerikanischen United Fruit Company, an landlose und landarme Bauernfamilien verteilt wurde. In der so genannten Operation PBSUCCESS putschte daraufhin im Juni 1954 eine von der US-amerikanischen CIA aufgestellte Armee aus oppositionellen guatemaltekischen Militärs und setzte General Carlos Castillo Armas als Diktator ein. Der Bürgerkrieg endete offiziell erst 1996, mit der horrenden Bilanz von ca. 200.000 Toten im ganzen Land. Am meisten betroffenen war die indigene Bevölkerung in den Bergen Guatemalas. Beispielhaft dafür steht die Stadt Nebaj im sogenannten Triangúlo Ixil. In diesem Gebiet in den Bergen leben die Ixil-Maya. Im guatemaltekischen Bürgerkrieg wurden angeblich alleine zwischen 1978 und 1983 25.000 Ixil Mayas getötet und vertrieben (von Gesamtbevölkerung 85.000). Die Verantwortlichen wurden bislang kaum angeklagt bzw. verurteilt.

Schutzgelderpressungen im öffentlichen Verkehr – Anschläge auf Busfahrer

Die Zeitungslektüre weist mich während meines Aufenthaltes auf ein großes Problem Guatemalas hin: die Schutzgelderpressungen gegenüber Busfahrern. Die erschreckend hohe Bilanz vom 01.01.-30.09.2014 lautet:

  • 80 ermordete Busfahrer
  • 26 ermordete Ayudantes (Helfer des Busfahreres)
  • 85 tote Passagiere
  • 275 Verletzte.

Die Ziffern explodieren leider kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Keine Besserung in Sicht.

Chicken Bus

Einen Busbahnhof, wie man ihn aus Europa kennt, gibt es in Guatemala nicht. Einige wenige Unternehmen haben für Langstrecken eigene Offices, in viele Gegenden des Landes gibt es aber nur die sogenannten „Chicken Buses“: uralte, ausrangierte, aufgeforstete US-Schulbusse. Sie stellen das Hauptverkehrsmittel in Guatemala dar. Die Chicken-Busse fahren von „ihren Busterminals“ ab. Busterminal ist meist irgendeine belebte Straße in Marktnähe mitten im größten Getümmel. Es geht langsam voran, ständig wird ein- und ausgestiegen, Passagiere werden eingesammelt. Um eine 100 km entfernte Destination zu erreichen, muss man gelegentlich zwei bis dreimal umsteigen. Die Unfallstatistiken sind hoch, ebenso Überfälle auf diese Busse. Aus Mangel an anderen Alternativen kommt man aber nicht umhin, ab und zu Chicken-Busse zu nutzen, preislich sind sie sowieso nicht zu schlagen – meist zahlt man für 1 h Fahrzeit um die 5-10 Quetzales (0,5 bis 1 Euro). Chicken-Busse fahren meist nur bis zum Einbruch der Dunkelheit – Grund dürfte die nicht gerade rosige Sicherheitslage im Land sein. Die Ayudantes (Helfer des Fahrers) vollführen teilweise unglaubliche Akrobatika. Während der Fahrt öffnen sie die Hintertür des Busses, jonglieren zur Leiter, klettern aufs Dach – Bus bleibt stehen, Person steigt aus – Gepäck fliegt oft unsanft vom Dach – Bus presst weiter, erst jetzt klettert Ayudante vom Dach und über die Hintertür zurück in den Bus. Teils fährt der Bus schon zu bald an, dann wird das Gepäck einfach 20 bis 30 Meter weiter auf der Straße abgeworfen. Dies sind tägliche Straßenszenen vor allem in den Bergregionen Guatemalas.

Landesweite frühe Sperrstunde in Guatemala

Seit vielen Jahren gilt eine landesweite Sperrstunde für alle Lokale, Bars und Diskotheken von 1 h 00 nachts. Der Hintergedanke dürfte darin liegen, die Kriminalitätsrate einzudämmen. Grundsätzlich wird die Sperrstunde – was für Lateinamerika überraschend ist – ziemlich rigoros eingehalten. Bei Nichteinhaltung soll es hohe Geldstrafen geben. Es gibt nur wenige Ausnahmen vor einigen wichtigen Feiertagen. Aufgrund der frühen Sperrstunde gibt es in einigen Städten viele private, illegale Partys.

Guatemala – Umgang mit Touristen und Ausländern

Generell sind die Leute sehr freundlich und zuvorkommend. Die Maya-Bevölkerung in den Bergen ist teilweise etwas zurückhaltender, aber durchaus freundlich. Mir scheint, die Leute sind anständiger und „unschuldiger“ im Umgang mit den Touristen als in anderen lateinamerikanischen Ländern. Einzig in einigen Touristenzentren zahlen Touristen oft mehr als Einheimische z.B. bei Eintritten zu Ruinen oder dem Boot nach San Miguel (5 statt 2 Q; 0,5 Euro statt 0,2 Euro) – dies sind dann aber offizielle Preise und nicht Touristenpreise.

Lebendige Maya-Kultur bis heute

Guatemala hat eine große Anzahl von Tempel- und Festungsanlagen sowie Städten der Maya-Kultur zu bieten. Viele dieser Stätten werden noch heute an Sonn- bzw. Feiertagen von religiösen Mayas bzw. diversen Kulten für Zeremonien genutzt. Ich konnte als Zeuge diesen Messen bei den Ruinen von K’umarcaaj (ganz in der Nähe der Provinzstadt Santa Cruz del Quiché) beiwohnen: Das gesamte Areal wird von religiösen Mayas noch heute für Zeremonien benutzt (vor allem Sonntag bzw. einige Feiertage). Ich kann zwei Messen von offiziellen Maya-Priesterinnen und diverse private Kulte, Gesänge und Opfergaben im nahen Wald bewundern. Eine etwas unheimliche Atmosphäre, private Kulte wirken teils „sektenhaft“, betrunken und aggressiv. Im Gegensatz zu den privaten Kulten sind die offiziellen Maya-Priester und Gläubiger durchaus nett und offen, wollen aber keine Fotos ihrer Zeremonien. Aus Respekt vor deren Kultur sollte man dieses „Nein“ natürlich akzeptieren. Zudem gab es in der Vergangenheit einige Vorfälle, wie im Jahr 2000 als in Guatemala ein japanischer Tourist und sein lokaler Fahrer gelyncht wurden. Grund: Das Fotografieren eines Kindes in einem abgelegenen Ort in den Bergen, also auch aus diesem Grund unbedingt ein „Nein“ zu Fotografieren akzeptieren und vorher unbedingt um Erlaubnis fragen. Dies ist zwar ein trauriger Einzelfall, trotzdem sage ich nicht nein als mich die lokale Polizei durch das Ruinen-Areal, in den Wald und die Tunnels begleitet. Die Polizei patrouilliert hier, weil es in der Vergangenheit einige Überfälle von Kleinkriminellen auf Besucher gegeben haben soll.

Fazit

Guatemala ist sicher kein ungefährliches Land um es zu bereisen, ist aber bei weitem nicht so gefährlich wie die Reisewarnungen verschiedener Staaten Europas oder der USA andeuten. Das Land hat tolle Landschaften, archäologische Highlights der Maya-Kultur und freundliche, hilfsbereite Menschen.

Guatemala Map
Guatemala

Mehr vom Autor Michael Stöger findest Du HIER

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

4 Kommentare zu „Ein Sammelsurium von Eindrücken aus Guatemalas Alltag“

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