Einreise – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela. Teil 2

Eine fünfwöchige Reise im Jahr 2008 durch das Venezuela von Hugo Chávez aus Sicht zweier Österreicher. Dies ist Teil 2 „Einreise“ der mehrteiligen Serie. Von illegalen Grenzüberschreitungen und ersten Eigenheiten des Systems Hugo Chavez

Venezuela Socialism

Eine fünfwöchige Reise im Jahr 2008 durch das Venezuela von Hugo Chávez aus Sicht zweier Österreicher. Dies ist Teil 2 „Einreise“ der mehrteiligen Serie. Teil 1 „Anreise“ kannst Du HIER lesen.

Von Andreas Lehner

Grenzen

So eine Grenzüberschreitung ist etwas Spannendes. Da wiegst du dich bereits in Sicherheit mit dem Glauben hinter der Grenze kann dir nichts mir dazwischen kommen, kommt dir natürlich doch noch was dazwischen und die Aufregung und Nervosität steigt wieder hoch, kitzelt dich in den Füssen, drückt im Magen herum, verleitet dich dazu, eine liebe, kleine Melodie vor dich her zu summen und der Anweisung des Grenz-Kieberers (Anmerkung: Kieberer ist ein österreichischer Begriff für Polizist) Folge zu leisten, umgehend zu ihm zu kommen.

Der Kieberer fragt mich und hört nicht auf zu fragen. Ich denke mir, der ist gut ausgebildet, dass er mich so fragt und mir immer mehr entlockt, was meine Situation nicht unbedingt entspannt. Du wirst dich fragen, warum so nervös, Formalitäten problemlos erledigt, gültige Reisedokumente, alles kein Grund sich wie ein Zehnjähriger zu benehmen, der im Tankstellen-Shop etwas ungeschickt einen Kaugummi in die Hosentasche gesteckt hat. Aber da hast du die Rechnung ohne die Veronica, meiner Reisebegleitung, gemacht, die, wie du vielleicht schon vergessen hast, keine gültigen Reisedokumente hat und mit dem Schlepper bereits auf der anderen, für uns richtigen Seite der Grenze, im Auto wartet. Nun was tun, wenn der Kieberer mich fragt, warum ich zu Fuß unterwegs bin und ich keine gescheite Antwort darauf habe? Was tun, wenn der Kieberer mir anweist, das Auto sofort zurückzuholen, hierher an den Grenzposten, das müsse man noch einmal gründlich kontrollieren und inspizieren? Natürlich bist du brav und holst das Auto zurück. Die Veronica schnell informieren. Die muss sich verstecken, weil sonst, nicht vorzustellen, was man sich alles vorstellt in diesem Moment. Veronica also in ein venezolanisches Ladengeschäft, um sich dort zu verstecken, ich mit dem Schlepper zurück zum Kieberer nach Kolumbien. Der Kieberer umkreist ganz langsam das Auto. Ich erkenne sofort, der Mann ist gut ausgebildet, der versteht etwas davon, wie man richtig kontrolliert. Bei jedem Schritt, der immer ein bisschen Straßenstaub mit aufwirbelt, schaut er mal ins Auto, mal mich an. Nebenbei stellt der Kieberer Fragen. Steckt seinen Kopf unter das Auto und fragt mich, was ich in Venezuela wolle. Tastet mit der Hand routiniert unter den Fahrersitz und fragt mich, ob ich alleine Reise. Entleert meinen 25 kg Rucksack und fragt mich, wie lange ich in Venezuela bleibe. Öffnet den Koffer von der Veronica und fragt mich, jetzt halt dich fest, gar nichts. Er hebt den Kopf und schaut mir in Gesicht, dann schaut er über meinen ganzen Körper bis runter zu meinen Füssen. Danach schaut er wieder in den Koffer. Dann wieder auf meine Füße, danach wieder in mein Gesicht. Dann wühlt er noch einmal mit der ganzen Hand durch den Koffer, hebt eines von zehn Paaren Stöckelschuhen hoch und lässt sie aus der Hand zurück in den Koffer fallen. Ich, ganz durcheinander und auch ein wenig verlegen, überleg mir rasend schnell so viele Erklärungen wie möglich. Stöckelschuhhändler schlecht, Zoll. Veronicas Sachen extrem schlecht, weil Veronica illegal und eigentlich gar nicht hier. Koffer verwechselt, Koffer vom Fahrer, ich österreichischer Transvestit auf Tour durch Südamerika. Die letzte Ausrede erscheint mir am überzeugendsten, ich setze zum Erklärungsversuch an, da dreht sich der Kieberer weg und sagt mit einer abweisenden Handbewegung, ich könne gehen. Schnell Koffer zu, ab ins Auto, Fahrer los, los! Ich schaue noch einmal in den Rückspiegel, da sehe ich unseren Kieberer, mit verschränkten Armen steht er da, und schaut uns hinterher, solange bis er verschwunden ist am Horizont.

Coro und erste Eigenheiten Hugo Chavezs

Nach dem 40-minütigen Flug im 5-Sitzer Propeller wackle ich aus dem Flughafen von Coro und suche mir ein Taxi. Gepäck habe ich eh keines, da das wohl irgendwo zwischen Caracas und Madrid liegt, nur der kleine Baderucksack blieb, ein Taxi ist so schnell bestiegen. Da sind sie, meine lieben Freunde! Der Mike aus Österreich steckt schon seine Nase aus dem Türspion des Hotels und seine Freundin, die Veronica aus Peru kichert im Hintergrund. Beide sind aus Kolumbien angereist. Gemeinsam werden wir nun Venezuela bereisen. Wir wundern uns über die 30-minütige Zeitdifferenz, die es zwischen Kolumbien und Venezuela gibt. Vor ein paar Monaten noch war die Zeitdifferenz 1 Stunde. Hugo (Chávez) ist immer gut für Neues. So wurden drei Nullen auf den neuen Währungsscheinen gestrichen, nun gibt es 20000 Bolivares Scheine und 20 Bolivares Scheine, beide sind gleich viel wert. Dann gibt es noch den US Dollar-Schwarzmarkt, der allerdings nicht mehr das ist, was er einmal war, da jetzt jede/r venezolanische Staatsbürger/in 5000 US Dollar jährlich erwerben darf und die Banken offiziell wechseln. Bankkurs 1 US Dollar = 2,1 Bolivares. An der Grenze 3,3, am Straßenmarkt in Caracas 3,45, im Rest des Landes 3. Vor einem halbem Monat gab es noch 6 bis 7, also das Dreifache vom Bankkurs. Alles ein Kuddelmuddel und alles, wie sich schnell herausstellt sehr, sehr teuer.

Am nächsten Tag besichtigen wir das nette Zentrum von Coro im Kolonialstil und die nahe gelegenen Sanddünen. Bald wollen wir ans Meer, zu Karibiktraum und Rum.

Schauplätze von „Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela“ auf Google Maps

Alle Schauplätze Maps - Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.
Alle Schauplätze auf Google Maps – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.

Text und Fotos: Andreas Lehner

Teil 1, Anreise kann HIER gelesen werden

Mehr von Andreas Lehner findet man HIER auf der Autorenseite

Kontext – Allgemeines über Venezuela

  • 28.868.486 Einwohner
  • Hauptstadt: Caracas
  • Amtssprache: Spanisch
  • Politik: Aktueller Präsident ist Nicolas Maduro. Seit Anfang 2014 gibt es im Land immer wieder Protestwellen gegen Maduro. Das Land befindet sich erneut in einer schweren Krise
  • Geographie: Die Natur Venezuelas ist abwechslungsreich und von umwerfender Schönheit. Zahlreiche Nationalparks und das Orinoco-Delta zählen zu den bedeutendsten und artenreichsten Naturreservaten weltweit.
  • Wirtschaft: Das Land lebt in erster Linie vom Erdöl-Vorkommen. Die Hälfte des der Staatseinnahmen stammen aus dieser Industrie. Das größte Unternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA) mit 80 000 Mitarbeitern ist ebenfalls in der Erdöl-Industrie tätig.

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

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