Anreise – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela. Teil 1

Mai 2006. Hugo Chavez, der Präsident der bolivarischen Republik Venezuela tritt in der Wiener Arena auf. Zur gleichen Zeit treffen sich andere ranghohe Politiker im Rahmen des Lateinamerikagipfels in der Wiener Hofburg. Hugo schwänzt das Treffen und zieht es vor in der Arena zur Jugend zu sprechen, in blumiger Sprache und kämpferisch gegen den einzigen und schlimmsten Feind, den USA. Die Jugend liebt ihn, den Hugo. Sie jubelt ihm zu, bedauert das Nicht-Erscheinen von Evo Morales aus Bolivien, sie skandiert “U A Hugo no se va”. Der romantische Geist des Sozialismus verzaubert ganz Wien Erdberg an diesem Abend. Da denkst du dir gleich “Na, ich weiß nicht” und gehst lieber in den Klabautermann in der Schlachthausgasse auf ein Paar Würstel und ein Krügerl Bier. Zwei Jahre später hält dich Hugos Geist noch immer in seinen Bann und du beschließt fünf Wochen nach Venezuela zu reisen, um Hugos sozialistischem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Eine fünfwöchige Reise im Jahr 2008 durch das Venezuela von Hugo Chávez aus stark österreichischer Sicht. Teil 1 der mehrteiligen Serie: Anreise.

Chavez, Caracas, Decimos Si

Eine fünfwöchige Reise im Jahr 2008 durch das Venezuela von Hugo Chávez aus Sicht zweier Österreicher. Teil 1 der mehrteiligen Serie: Anreise. Teil 2 „Einreise“ gibt es HIER

Von Andreas Lehner

Wien, Erdberg

Mai 2006. Hugo Chávez, der Präsident der bolivarischen Republik Venezuela tritt in der Wiener Arena auf. Zur gleichen Zeit treffen sich andere ranghohe Politiker im Rahmen des Lateinamerikagipfels in der Wiener Hofburg. Hugo schwänzt das Treffen und zieht es vor in der Arena zur Jugend zu sprechen, in blumiger Sprache und kämpferisch gegen den einzigen und schlimmsten Feind, den USA. Die Jugend liebt ihn, den Hugo. Sie jubelt ihm zu, bedauert das Nicht-Erscheinen von Evo Morales aus Bolivien, sie skandiert “U A Hugo no se va”. Der romantische Geist des Sozialismus verzaubert ganz Wien Erdberg an diesem Abend. Da denkst du dir gleich “Na, ich weiß nicht” und gehst lieber in den Klabautermann in der Schlachthausgasse auf ein Paar Würstel und ein Krügerl Bier. Zwei Jahre später hält dich Hugos Geist noch immer in seinen Bann und du beschließt fünf Wochen nach Venezuela zu reisen, um Hugos sozialistischem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Illegal

Es erfordert schon eine große Portion Mut von Peru aus ohne Reisepass und nur mit einem Trolley und High Heels ausgerüstet mit dem Bus bis nach Venezuela zu reisen. Das ist nämlich was anderes, als wenn man sich traut von Linz nach St. Valentin oder von Linz nach Wels ohne Fahrschein zu fahren. Peru-Venezuela, das sind mehrere Landesgrenzen und mehrere Tausend Kilometer über den halben südamerikanischen Kontinent, Peru, bisschen Ecuador, Kolumbien, Venezuela. Aber die Veronica aus Lima, die scheisst sich da nix. Die ist so ein Typ, die stürzt sich einfach ins Abenteuer, während man selbst zittert vor Angst und seinen Kopf immer ein bisschen einzieht, wenn der Busfahrer langsam auf die Bremse tritt. Dann schaut man ganz zusammengezogen aus dem Busfenster und hofft keine Uniformierten mit Maschinengewehr zu sehen.

Ich treffe die Veronica in Bucaramanga, Kolumbien. Ich wohne in Bucaramanga, weil ich dort als Austauschstudent bin. Kennengelernt habe ich die Veronica in Lima, Peru, weil ich dort, bevor ich nach Bucaramanga bin, als Austauschstudent gelebt habe. Morgen wollen wir an der Grenzstadt Cucuta sein, dann weiterfahren nach Venezuela, um dort einen alten Freund aus Österreich, der aus Wien anreist, zu treffen. Den Chávez wollen wir kennen lernen oder besser gesagt, das wofür er über die vielen Jahre als Machtinhaber gesorgt hat.

Freitag war unser Tag. Mit etwas Pech müsste ich alleine weiterreisen, mit viel Glück könnte ich die Fahrt nach Venezuela mit Veronica fortsetzen. Nun sitzen wir im Jeep des Schleppers und mein Kopf ganz eingezogen, schau ich überhaupt nicht mehr aus dem Fenster. Wird schon gut gehen. Ich natürlich legal unterwegs, habe alle gültigen Einreisedokumente, aber naja, die Veronica hat eben nix, außer dem Trolley, die High Heels und jetzt einen Mini Rock.

Salzkammergut

Auf die Alten zu hören, man weiß es meist im Nachhinein besser, kann einem so manchen Ärger ersparen. Fahr nicht soweit weg. Muss es denn solange sein. Muss der Rucksack denn so schwer sein. Im Salzkammergut ist es doch auch schön. Stell dir vor, der Attersee im Sommer, oder der Mondsee, sicherlich erfrischender, als das bacherlwarme karibische Meer, zudem Steckerlfisch vom Feinsten und heimisches Bier höchster Braukunst. Und jetzt, hab ich es doch gleich gesagt, hast du es nun davon. Keine frischen Unterhosen, keine Zahnbürste, keine frischen Socken, pro Tag zwei Paar, macht für geplante fünf Wochen, siebzig Socken, fehlt alles. Einzig der kleine Baderucksack ist geblieben, so als würde man für ein paar Stunden ins Salzkammergut an den Attersee oder Mondsee. Nach drei Tagen am Flughafen in Caracas hast du auch nicht mehr viel Hoffnung, dass die siebzig Socken mit der IBERIA aus Madrid am vierten Tag ankommen und leichten Herzens buchst du einen Inlandsflug nach Coro, selbst, wenn einem das schummrige Licht der flackernden Neonleuchten in den Flughafengängen vielleicht sogar ein bisschen fehlen wird.

Fünfzig Minuten Flugzeit, das ist nichts. Wie wenn man bei uns übers Wochenende von Wien nach Berlin fliegen möchte. Raus nach Schwechat, rein in den Flieger, knappe Stunde sitzen, Achterl Rotwein trinken, dösen, Fernsehturm beim Landeanflug bewundern, und schon ist man in Berlin. Wenn ich aber nun aus dem Fenster des Bus-Shuttle schaue, und wir uns immer weiter von Maschinen akzeptabler Größe entfernen und immer häufiger Propellermaschinen auftauchen, die ein Modellbauer grösser hinkriegt, dann ist das doch anders und ein bisschen ungut und etwas mehr Bauchkribbeln. Und das mir nun ganz plötzlich der Schweiß auf der Stirn steht und runterläuft wie der Orinoco-Fluss, liegt nur bedingt an den tropischen Temperaturen am Flugfeld von Caracas. Fünfzig Minuten. Treffen mit altem Freund aus Österreich und seiner peruanischen Freundin. Nur fünfzig Minuten.

Schauplätze von „Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela. Teil 1“ auf Google Maps

Alle Schauplätze Maps - Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.
Alle Schauplätze auf Google Maps – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela.

Chávez in der Wiener Arena

Uh Ah Chavez no se va

Text und Fotos: Andreas Lehner

Teil 2, Coro, kann HIER gelesen werden

Mehr von Andreas Lehner findet man HIER auf der Autorenseite

Kontext – Allgemeines über Venezuela

  • 28.868.486 Einwohner
  • Hauptstadt: Caracas
  • Amtssprache: Spanisch
  • Politik: Aktueller Präsident ist Nicolas Maduro. Seit Anfang 2014 gibt es im Land immer wieder Protestwellen gegen Maduro. Das Land befindet sich erneut in einer schweren Krise
  • Geographie: Die Natur Venezuelas ist abwechslungsreich und von umwerfender Schönheit. Zahlreiche Nationalparks und das Orinoco-Delta zählen zu den bedeutendsten und artenreichsten Naturreservaten weltweit.
  • Wirtschaft: Das Land lebt in erster Linie vom Erdöl-Vorkommen. Die Hälfte des der Staatseinnahmen stammen aus dieser Industrie. Das größte Unternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA) mit 80 000 Mitarbeitern ist ebenfalls in der Erdöl-Industrie tätig.

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

1 Kommentar zu „Anreise – Der Geist des Hugo Chávez. Venezuela. Teil 1“

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