Tage wie dieser – „Go Slow“ in Caye Caulker, Belize. Teil 2

Die kleine Karibikinsel Caye Caulker (Belize) entschleunigt das schnelle Leben. Sie ist berühmt für den Verlust des subjektiven Gefühls für Ort und Zeit und dehnt dieses in eine nahezu unnatürliche Dimension. „Go Slow“ steht auf den Straßenschildern geschrieben und schon plumpst man in ein Zeitloch. Tage wie dieser.

Minnie Riperton 1974
Von Andreas Lehner

Die kleine Karibikinsel Caye Caulker (Belize) entschleunigt das schnelle Leben. Sie ist berühmt für den Verlust des subjektiven Gefühls für Ort und Zeit und dehnt dieses in eine nahezu unnatürliche Dimension. „Go Slow“ steht auf den Straßenschildern geschrieben und schon plumpst man in ein Zeitloch. Tage wie dieser:

Die Aufregung und Neugier, die Insel kennenzulernen, zwingen dich viel zu früh aufzustehen und einen morgendlichen Spaziergang zu machen. Niemand hier. Ein paar Hunde liegen am Rand des Schotterweges und blinzeln dir mit einem halb offenen Auge zu, ehe sie sich dazu entschließen, doch noch etwas länger zu schlafen an diesem Morgen. Der Schotterweg ist die „Right Street“, eine der drei Hauptstraßen von Caye Caulker, die die Insel in ihrer gesamten Länge durchlaufen und Ende A mit Ende B verbinden. Ende B ist bald erreicht. Die Insel ist klein.

Ende B ist berühmt und wird auf der Insel „The Split“ genannt, da vor vielen Jahren ein Hurrikane Caye Caulker einfach in zwei Teile geteilt hat. Als wäre die Insel ein Stück Fleisch, das man einfach so halbieren kann. Hurrikane können das. Der eine Teil ist bewohnt, der andere wild verwachsen mit Mangroven und Gestrüpp. Wenn die Jahreszeit der Hurrikane ihren Höhepunkt erreicht, verlassen die Hotelbesitzer die Insel und die, die keine Hotelbesitzer sind, übersiedeln in die Hotels, weil die mehr Schutz bieten, als die kleinen Holzhütten derjenigen Menschen ohne Hotelbesitz. Dann beginnt das Bangen und Hoffen, dass sich die Geschichte der Insel-Spaltung nicht noch einmal wiederholt und nach den Unwettern und Stürmen alle Inselbewohner heil und gesund ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen können.

Die Insel erwacht langsam. Die Hunde haben sich aufgerafft und schlürfen Wasser aus den trüben Pfützen, die das nächtliche Gewitter hinterlassen hat. Die ersten Golfwagen fahren in gemächlichem Tempo auf den Hauptwegen auf und ab. Die Passagiere sind Touristen oder Schulkinder in Schuluniformen, die den Golfwagen als Schulbus nutzen. Die Fahrer sitzen entspannt am Steuer und weichen routiniert den tiefen Schlaglöchern aus. Sie begrüßen im Vorbeifahren die Kellnerin auf der Holzterrasse des Frühstückscafés mit einem Spruch, der sie zum Lachen bringt. Sie erwidert mit einem Spruch, der die Fahrer zum Lachen bringt. Ein gut gelaunter Start in den Tag.

Die Sonne senkt sich. Am Split sammeln sich die Menschen. Es wird andächtig ruhig am Split. Als stünde Großes bevor. Die eben noch so laute Musik zieht sich in den Hintergrund zurück und überlässt der Abendsonne freizügig die große Inselbühne. Die Gesichter der Menschen werden sanft und weich. Sie streichen sich die Haare aus dem Gesicht, die die Brise vom offenen Meer immer wieder über das Gesicht wirft. Der Horizont färbt sich zu tiefem Rot, knapp darüber beginnt sich der restliche Himmel in einen Farbverlauf aus Purpur, Orange und Blau zu verstreuen. Die Wellen glitzern und ein einziges, kleines Boot fährt weit draußen in der Nähe des aufgehenden Mondes. Go Fisherman, Go!
Der fünfte Tag auf der Insel ist vergangen. Du überlegst dir zweimal, ob du den langen Weg zum Split auf dich nehmen sollst. Du erinnerst dich an den Tag der Ankunft, an dem die Distanzen auf der Insel so gering erschienen. Du stellst fest, dass sich mit Fortdauer des Aufenthalts die Distanzen immer weiter vergrößert haben und sich die Zeit immer weiter verlangsamt hat. Es ist ein angenehmes Dahinplätschern ohne Hektik und Aufregung.
Die „Mangrove Riddum Band“ spielt in der immer leeren Selbstbedienungspizzeria Lieder von Minnie Ripperton. Das alte Keyboard jault die Melodie von „lovin you is easy cause it‘s beautiful“. Du stellst dich vor die Pizzeria und hörst stundenlang zu, bis du müde wirst, und die Neonlichter an der Decke mit einem letzten Flackern das Lokal der nächtlichen Dunkelheit überlassen.
Du wachst auf und bist nach sieben Tagen Caye Caulker wieder in Mexiko.
Minnie Ripperton, Loving You

Zu Teil 1 geht es hier:
Text: Andreas Lehner
Foto: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4f/Minnie_Riperton_1974.jpg, abgerufen am 7.Dezember 2014

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

7 Kommentare zu „Tage wie dieser – „Go Slow“ in Caye Caulker, Belize. Teil 2“

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