SCHIFF AHOI! Mit dem Segelschiff von Europa nach Südamerika

Mit dem Segelschiff von Europa nach Südamerika: die ersten drei Tage auf See sind die schlimmsten. Die ständigen Bewegungen durch Wind und Wellen, das Gewöhnen an die Wache- und Ruhezeiten von nie mehr als vier oder sechs Stunden, immer aufgeweckt zu werden, sobald man endlich einmal annähernd tief schläft, all das ist emotional und körperlich fordernd. Ich frage mich, warum ich mich entschieden habe, den Atlantik mit einem Segelboot zu überqueren.

Tres Hombres

Von Margit Atzler (gekürzt erschienen in der österreichischen Tageszeitung „Oberösterreichische Nachrichten“ am 25.1.2014)

Die ersten drei Tage auf See sind die schlimmsten. Die ständigen Bewegungen durch Wind und Wellen, das Gewöhnen an die Wache- und Ruhezeiten von nie mehr als vier oder sechs Stunden, immer aufgeweckt zu werden, sobald man endlich einmal annähernd tief schläft, all das ist emotional und körperlich fordernd. Ich frage mich, warum ich mich entschieden habe, den Atlantik mit einem Segelboot zu überqueren.

Die „SV Tres Hombres“ ist ein segelndes Frachtschiff, ein 32 Meter langer Zweimaster mit 35 Tonnen Kapazität, benannt nach den drei Kapitänen, die das ambitionierte Projekt gestartet haben: die beiden Niederländer Arjen van der Veen und Jorne Langelaan, sowie der Steirer Andreas Lackner. Mit ihrer Firma wollen sie den sogenannten Fairtrainsport antreiben. Der faire und umweltfreundliche Transport von Waren wie Rum, Kakaobohnen, die in Holland zum fantastisch schmeckender „Tres Hombres Schokolade“ verarbeitet werden, Wein aus Frankreich, der in großen Holzfässern mehrere Monate auf See reift, um schließlich wieder zurück nach Europa zu kommen, all das kostet mehr Geld im Vergleich zum üblichen Warentransport mit den großen Frachtschiffen der Ozeane. Mit der „SV Tres Hombres“ möchten sie ein Zeichen und Impulse zu einem Umdenken setzen. Wenn der internationale Handel vermehrt auf diesem ursprünglichen und arbeitsaufwendigen Weg erfolgt, dann würde es wieder attraktiver und preiswerter werden, regionale Produkte zu kaufen.

Der ehemalige Kriegsschiffkutter besteht aus einem Komposit gebauten Rumpf. Moderne Technik und Materialien, wie sie heutzutage bei Segelschiffen eingesetzt werden, sind bis auf den Navigationscomputer nicht vorhanden. Es braucht mindestens zehn Menschen, um die Tres Hombres zu segeln. Mit ihren insgesamt zwölf Segeln und um zahlreichen Seilen mutet sie beeindruckend an, als sie an einem Novemberabend vor der Marina in Cascais nahe der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ankert. Der Vollmond erhebt sich hinter der Silhouette des Schiffs, das an die Kulisse eines Piratenfilms erinnert. Man vermag kaum zu glauben, dass es heute noch möglich ist, auf diese Art den Atlantik zu überqueren.

In Portugal wechselt ein Teil der Mannschaft, und wir sind insgesamt neun neue Lehrlinge, die großteils die Teilstrecke bis nach Belém im Norden von Brasilien an Bord sein werden. Sechs Wochen sind dafür veranschlagt. Einige haben so wie ich die Überfahrt auf der Tres Hombres als Transportmittel nach Südamerika gewählt, um auf diese Weise bewusst die Distanz der Reise auf einen anderen Kontinent und den damit verbundenen physischen und emotionalen Kraftaufwand zu spüren.

Mehrere Tage haben wir Zeit, uns an Bord einzuleben, bevor es losgeht. Noch ist viel zu erledigen: Das Schiff putzen, Wassertanks füllen und vor allem Lebensmittel kaufen. Da die Tres Hombres über keinen Motor verfügt, gibt es auch keinen Kühlschrank. Alles muss genau eingeteilt und in den zwei Vorratsräumen sowie unter den Betten in den ohnehin schon knapp bemessenen Kajüten verstaut werden.

Für alle Neuen gilt es zunächst, die Namen der Segel und unzähligen Leinen und ihre Funktionen zu lernen. Schließlich sind die Lehrlinge nicht einfach Passagiere, die eine romantische Atlantiküberquerung gebucht haben, sondern müssen als Teil der Mannschaft mithelfen und können bei Interesse bis zum Steuermann ausgebildet werden. Mit einem A4 Blatt, auf dem jede Leine gekennzeichnet ist, spazieren wir immer wieder über Deck, von Backbord nach Steuerbord, kreuz und quer, von Bug nach Heck und wieder zurück, um uns alles einzuprägen.

Schließlich ist der Tag der Abreise da. Vier Menschen braucht es, um am Bug mit voller Kraft die Ankerkette aus Stahl per Pumpe einzuziehen. Am Steuerrad steht der Kapitän und brüllt die Kommandos über Bord. Nach einer halben Stunde auf See beuge ich mich das erste Mal über die Rehling um mich zu übergeben. Die ersten Tage sind wahrlich die schlimmsten. Allmählich gewöhnt sich der Körper an die neue Umgebung, die Übelkeit und Schwere in den Gliedern schwindet. Ich muss einfach das Tempo reduzieren und jeden Handgriff gemächlich ausüben, angepasst an die Schaukelbewegungen des Schiffs.

Rund um die Uhr müssen wir Wache halten und sind dafür in zwei Gruppen aufgeteilt, die einander im Vier- bzw. tagsüber im Sechs-Stunden-Rhythmus abwechseln. Noch sind die Nächte kühl, und auch tagsüber braucht es lange Ärmel oder sogar einen Pullover, um sich vor dem ständigen Luftzug zu wärmen. Nachts ist es dunkel, und wir müssen ohne Beleuchtung zurechtkommen. Dadurch funkeln die Sterne umso beeindruckender am Himmel. Manchmal ist in den Nachtschichten nichts zu tun. Ich liege auf der Abdeckung vom Frachtraum, blicke hinauf in den einzigartigen Sternenhimmel und weiß nun wieder, warum ich mich entschieden habe, diese Reise anzutreten.

Oft heißt es an Bord: „Segeln ist nicht romantisch“, doch immer wieder entstehen genau diese romantischen Augenblicke, die wahrscheinlich mehr in Erinnerung bleiben werden als die Anstrengungen der Überfahrt. Eines Nachts werden wir für eine kurze Strecke von Delfinen begleitet. Sie sind zauberhaft, kaum zu sehen, nur ihre Schatten tauchen immer wieder aus dem Wasser hervor. Der Mond lässt ihre feuchten Körper kurz aufblitzen, bevor sie wieder in die dunklen Tiefen des Wassers tauchen.

In der Nacht ist es still hier draußen auf dem weiten Ozean. Das Geräusch des Windes in den Segeln, der Wellen, die gegen das Schiff schlagen, begleitet uns. In dieser Rohheit und Ursprünglichkeit liegt zugleich eine Sanftheit verborgen, die beruhigt und demütig macht. Nichts als Wasser ist um uns herum, in dem Plankton aufleuchtet, wenn es durch unser Schiff, das durch die Wellen gleitet, in Bewegung versetzt wird. Wie Diamanten glitzern die kleinen Teilchen im Wasser.

Nach einer Woche auf See erreichen wir die Kanareninsel La Palma. Nach und nach holen wir auf Kommando von unserem Skipper, die Segel ein. Die ganze Mannschaft ist hoch konzentriert. Kurz vor der Anlegestelle wird ein Anker ins Meer geworden, quasi als Bremse, zwei junge Männer unserer Mannschaft springen an Land, fangen die Seile auf und werfen sie um die Poller, wir legen an. Alle jauchzen auf, applaudieren, es hat geklappt! Es ist beeindruckend und erfüllt uns mit Stolz, Teil dieses Erlebnisses und Projektes zu sein, das überall, wo wir ankommen Aufmerksamkeit erregt. Auf La Palma befinden wir uns direkt neben der Anlegestelle der großen Kreuzfahrtschiffe. Jeden Morgen treffen bei Tagesanbruch neue „Nachbarn“ ein. Die schaulustigen Kreuzfahrt-Passagiere kommen in Scharen zu uns, machen Fotos und stellen Fragen. Ein bisschen kommen wir uns vor wie Tiere in einem Zoo, und vermutlich sehen wir mittlerweile ziemlich exotisch aus.

Ursprünglich wollten wir nur wenige Tage in La Palma bleiben und kanarischen Rum und Zigarren laden, doch die Insel erweist sich als perfekter Ort, um Vorräte und Trinkwasser zu besorgen, die bis nach Brasilien reichen sollen. Das Wichtigste beim Landgang sind Duschen und Wäschewaschen. Die erste Dusche nach einer Woche auf See ist ein wahres Geschenk.

Als wir nach einer Woche wieder in See stechen, dauert es erneut drei Tage, sich wieder an die ständigen Bewegungen und die knappen Ruhezeiten zu gewöhnen. Aufgrund der Windverhältnisse kommen wir zunächst jedoch einfach nicht von La Palma weg! Jedes Mal, wenn ich nach einigen Stunden Schlaf aus meiner Kajüte wieder an Deck hoch klettere, sind wir noch genauso nah an der Insel, wie wenige Stunden zuvor, als ich mich schlafen legte. Zwei Tage lang manövrieren wir, um das Schiff überhaupt auf Position zu halten. Wieder bin ich die ersten Tage über seekrank, doch immerhin diesmal ohne mich über die Rehling beugen zu müssen. Irgendwann ist endlich nur mehr Wasser um uns herum, so weit das Auge reicht. Der Wind hat gehörig zugelegt. Daher sind nun überall an Bord Sicherheits-Seile angebracht. Wir müssen Klettergurte tragen und uns immer in die Seile einhängen, damit wir nicht womöglich von einer heftigen Welle überrascht und weggespült werden. Ich bin so müde, dass ich während einer Nacht-Wache fast im Stehen einschlafe, und froh, an den Seilen zu hängen, da mich meine Beine nicht mehr wirklich tragen.

Zu Beginn der Vollmond-Nacht geht es einigen von uns endlich besser, doch in dem starken Wind nach La Palma ist das Top-Gallant Segel gerissen. Wir nähen gute zwei Wochen. Mit bloßen Händen. Mit diesem Segel im Einsatz können wir um fast zwei Knoten schneller unterwegs sein. Allmählich bleiben die Pullover in der Kabine, es wird wärmer, und obwohl die Hitze im Schiffsinneren drückt und müde macht, kommt Urlaubsstimmung auf. Das Nähen erweist sich als guter Zeitvertreib und Abwechslung zu den sonstigen Ausbesserungsarbeiten, die auf einem Schiff wie der Tres Hombres ständig zu machen sind.

Eigentlich ist vorgesehen, dass wir vor der kleinen Insel Brava auf den Kap Verden für ein paar Tage ankern, doch die Bedingungen in der Bucht, der Wind, die Felsen, erweisen sich als äußerst ungünstig. Ein Fischerboot kommt zu uns gefahren, übernimmt wie vereinbart einige Waren und einen der Lehrlinge, der beschlossen hat, hier auszusteigen. Bereits nach einer Stunde hat es uns näher an den Strand getrieben und es geht es wieder weiter, ohne dass wir Land betreten hätten. Wir müssen ganz stark am Wind hinaus segeln aus der Bucht, daher gleichzeitig ein Segel nach dem anderen hissen und den Anker lichten. Für eine halbe Stunde ist höchste Konzentration angesagt, die Atmosphäre ist spannungsgeladen aber auf eine Art, die zu Höchstleistungen anregt. Der Kapitän brüllt vom Steuerrad Kommandos, wir ziehen mit voller Kraft an den Seilen, vorne an der Ankerkette schreien und pumpen sich vier Männer die Seele aus dem Leib. Als wir weit genug an einem Klippenvorsprung vorbeigesegelt sind, beginnt die eigentliche Atlantiküberquerung.

Da wir unsere Essens- und Wasser-Vorräte nicht wie erwartet noch einmal auf den Kap Verden aufstocken konnten, heißt es ab sofort rationieren und sparsam mit dem Wasser umzugehen. Richtig sparsam. Wir dürfen noch einmal die Woche Wäsche waschen, uns selbst so wenig wie möglich.

Der Wind bleibt in Äquator-Nähe ständig konstant. So sind wir von den Kanaren wider Erwarten nur 20 Tage auf See. Die Tage vergehen am Ende richtig schnell: wir feiern Weihnachten am Tag der Wintersonnwende mit einem Wichtel-Spiel und einem herzhaften Kürbis-Nuss Gericht, hissen das reparierte Segel, überqueren andächtig den Äquator, und auf einmal steht die Ankunft in der nordbrasilianischen Stadt Belém kurz bevor. Am Abend des 27. Dezember ankern wir an der Mündung des Río Para im Amazonasdelta ins Meer. Am nächsten Tag holen uns zwei Schlepperboote ab und ziehen die Tres Hombres direkt an die Anlegestelle an der „Estacao do Docas“  mitten im Zentrum von Belém.

Einige Schaulustige sind bereits da, wir putzen das Schiff gründlich vor der Einreiseinspektion, Radio und Fernsehen kommen für Interviews. Zur großen Freude aller feiern wir Neujahr an Land, bevor es für die „Tres Hombres“ mit einigen neuen Lehrlingen weiter geht in Richtung Karibik.

Informationen zur Tres Hombres, dem Lehrlings-Programm und den Etappen auf:

http://svtreshombres.homestead.com

Mehr von Margit Atzler findet man auf:

http://www.openheart.at/

Text und Fotos von Margit Atzler

Der Reisebericht erschien in gekürzter Form in der österreichischen Tageszeitung „Oberösterreichische Nachrichten“ (http://www.nachrichten.at) am 25.1.2014

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

12 Kommentare zu „SCHIFF AHOI! Mit dem Segelschiff von Europa nach Südamerika“

  1. Hört sich richtig gut an. Richtig gut! Ich mag den Schreibstil, die Story und die Bilder sehen auch sehr verlockend aus! Einfach rund um gut gelungen, da bekomm ich wirklich Fernweh! Dass ich mich auf ein Segelboot begeben werde steht jetzt schon fest.

    Kleiner Tipp für euch, schaut nochmal durch, da sich einige, wenige, kleine Fehler eingeschlichen haben.

    Gruß, Ansgar

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    1. Herzlichen Dank! Die Autorin Margit Atzler macht viele hochinteressante Reise-Projekte (Film, Text, Fotos,..). Wirf auch mal nen Blick auf ihre Webseite: openheart.at
      Danke auch für den Hinweis auf „wenige, kleine Fehler“! Sollte nun ausgebessert sein 🙂

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    2. Hallo Ansgar!
      Wie schön, dass Dir die Geschichte gefällt. Ich war die vergangenen Wochen web- und blogging-technisch ausgeklinkt, aber ich lebe eben gerne neben der Schreiberei 🙂

      Es gibt immer mehr Projekte in diese Richtung, von denen sich die Leute untereinander vernetzen:

      – New Dawn Traders (eine der Initiatorinnen war als Köchin mit an Bord bei meiner Reise)
      http://newdawntraders.com

      – EXXpedition (all ladies)
      https://www.facebook.com/NewDawnTraders?fref=nf

      – Sailing the Farm
      https://www.facebook.com/pages/Sailing-the-farm/266133740088509?pnref=lhc

      Viel Spaß und Schiff Ahoi!

      Gefällt 1 Person

  2. Dreist, wenn am Ende der Reise mir ein Milliardär die Hand reichen würde – ich zöge sie zurück, wenn sie nur mit dem Preis einer solchen Segelüberfahrt gewonnen werden könnte. Bei mir würden aus den ersten drei Tagen die ersten 30 oder 60 werden.

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