Chișinău, Moldawien. Andy’s Pizza und das lächelnde Billboard-Model

„Ich mag Andy‘s Pizza nicht. Andy‘s Pizza war der erste Pizza-Zustelldienst hier in Chişinău. Ich war Student und war viel und gerne zu Hause und jeden Tag wurde eine Bestellung geliefert. Ich hab genug davon. Nie wieder!“, versucht uns Dimitri, den wir zufällig getroffen haben, die Lokalkette wenig schmackhaft zu machen. Wir gehen trotzdem hin. Wir reisen schließlich nach zwei Tagen wieder ab, und vertragen somit ohne Probleme einen dritten Besuch. Nicht, weil Andy’s Pizza so gut ist, sondern weil er sich durch seine häufige und vertraut erscheinende Präsenz aufdrängt für Touristen, die sich ohne Vorbereitung durch die Stadt treiben lassen. Das Restaurant könnte in jeder anderen Stadt dieser Welt sein……..Wir schlendern durch ein Marktviertel Chişinăus. Am Rand der Fußwege stehen ältere Frauen Reih an Reih, so als würden sie Spalier stehen. Ihr Blick ist starr nach vorne gerichtet. Stumm bewerben sie Kleidungsstücke aller Art. In der linken Hand eine rote Übergangsjacke, in der rechten, zwei weiße Herrenhemden. Eine schwarz-rot gemusterte Strickweste, eine beige Bundfaltenhose. Eine graues und dunkelgraues Sakko, ein schwarzer Rock. Jene, deren Geschäft bereits grösser ist, präsentieren ihre Ware auf Kartons oder kleinen Klapptischen oder an in einen Baum geschlagene Karabinerhaken.

Chișinău, Moldawien

Von Andreas Lehner

„Ich mag Andy‘s Pizza nicht. Andy‘s Pizza war der erste Pizza-Zustelldienst hier in Chişinău. Ich war Student und war viel und gerne zu Hause und jeden Tag wurde eine Bestellung geliefert. Ich hab genug davon. Nie wieder!“, versucht uns Pjotr, den wir zufällig getroffen haben, die Lokalkette wenig schmackhaft zu machen. Wir gehen trotzdem hin. Wir reisen schließlich nach zwei Tagen wieder ab, und vertragen somit ohne Probleme einen dritten Besuch. Nicht, weil Andy’s Pizza so gut ist, sondern weil er sich durch seine häufige und vertraut erscheinende Präsenz aufdrängt für Touristen, die sich ohne Vorbereitung durch die Stadt treiben lassen. Das Restaurant könnte in jeder anderen Stadt dieser Welt sein. Wien, Berlin, Mexico City oder Moskau oder Bukarest. Pizza, Pasta, Steaks, Kellner in uniformierten dunklen Hosen und braun gestreiften Hemden, Kellnerinnen in schwarzen Röcken und braun gestreiften Blusen und die Haare nach hinten zusammengebunden, die Hände vor dem Körper verschränkt ineinander gelegt. Eine Pose, die wohl in der Personal-Einschulung eingeübt wurde, und dann anzuwenden ist, wenn gerade nichts zu tun ist. An den Wänden hängen Fotos von Caruso, Fotos von Venedig und Fotos vom Trevi-Brunnen aus Fellinis „La Dolce Vita“. Der einzige Indikator in Moldawien zu sein, sind die osteuropäischen Musikvideos, die in höchstem Farbkontrast auf den gestochen scharfen Flatscreens laufen, allerdings ganz ohne Ton.

Wir schlendern durch ein Marktviertel Chişinăus. Am Rand der Fußwege stehen ältere Frauen in einer Reihe, so als würden sie Spalier stehen. Ihr Blick ist starr nach vorne gerichtet. Stumm bewerben sie Kleidungsstücke aller Art. In der linken Hand eine rote Übergangsjacke, in der rechten, zwei weiße Herrenhemden. Eine schwarz-rot gemusterte Strickweste, eine beige Bundfaltenhose. Ein graues und dunkelgraues Sakko, ein schwarzer Rock. Jene, deren Geschäft bereits größer ist, präsentieren ihre Ware auf Kartons oder kleinen Klapptischen oder an in einen Baum geschlagene Karabinerhaken. Die Waren sind mit handgeschriebenen Preisschildern versehen. Es herrscht reges Treiben in diesen Straßen. Zwischen Kaufinteressierten, die Preise verhandeln und sich über die Ware informieren, mischen sich Fußgänger, die sich eilig ihren Weg durch das Getümmel suchen. An der großen Kreuzung lächelt genügsam ein blondes Model für Kosmetikwerbung von einem Billboard. Ihre Hand streicht durch ihr gelocktes, langes, üppiges Haar, das mit weit geöffneten, violetten Blüten geschmückt ist. Es scheint als richte sie ihren Blick vom Billboard direkt nach unten auf die Straße, dorthin, wo die alten Frauen in gebückter Haltung auf kleinen Klappstühlen sitzen und darauf warten, bis jemand eine Möhre oder einen Bund Kräuter kauft.

Visueller Rundgang durch Chişinău

Moldawien Landkarte
Moldawien Landkarte

Text und Fotos: Andreas Lehner

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

17 Kommentare zu „Chișinău, Moldawien. Andy’s Pizza und das lächelnde Billboard-Model“

  1. Sehr spannend, vielen Dank. Ich fahre nächste Woche nach Moldawien, so habe ich schon mal einen Vorgeschmack. Super, dass eine Karte dabei ist – Moldawien zu lokalisieren bringt zumindest meine Bekannte echt ins Schwitzen.;-)

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      1. Thema ist die bevorstehende Wahl: Für oder gegen Europa. Davon weiß man zumindest in Deutschland eigentlich nichts. Und dann natürlich das Land selbst. Mal sehen, was ich hinterher daraus mache.

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  2. Melde mich zurück: Die Fotos muss ich allerdings noch sortieren, die Eindrücke auch. Mich hat Moldau/ Moldawien unglaublich beeindruckt. So tolle Menschen, ich bin immer noch sehr begeistert. Ein Land ganz anders als gedacht. Ich berichte. In Andy’s Pizza war ich übrigens nach dem Beitrag hier auch. Es gibt allerdings viel bessere Restaurants im Land. Billigere auch. Aber da man von Wien direkt einfliegen kann, gibt es vielleicht auch eine Wiederholung, oder?

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  3. Ich habe mich ewig nicht zurück gemeldet, es war leider unglaublich viel zu tun nach der Reise und dann war auch schon Weihnachten. Dafür kommt morgen meine Sendung über Moldawien und Transnistrien, Fotos sind jetzt schon auf der Seite des Senders zu sehen, ab morgen nach der Sendung kann man sich das sieben Tage lang kostenlos anhören. Hier ist der Link: http://www.kulturradio.de/programm/sendungen/150120/kulturtermin_1904.html
    Wenn es jetzt hoffentlich mal ruhiger wird, befasse ich mich auch endlich wieder mit meinem Blog und werde dort noch mehr Fotos hochladen. Nochmals danke für die Inspiration vor der Reise.

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