Kanada. Eine Reise abseits der Nationalparks – Von Revelstoke nach Whistler

„Ganz Kanada ist ein Nationalpark.“ Ich weiß nicht mehr, wer mir das erzählt hat. Doch als ich das hörte, war ich zunächst erfreut: Vor meinen Augen hatte ich Bilder von meinem USA-Roadtrip, vier Jahre zuvor: Grand Canyon Nationalpark, Death Valley Nationalpark, Yosemite Nationalpark. Ich erinnerte mich an die abwechslungsreiche Natur und die atemberaubenden Weiten. Das Gleiche erhoffte ich mir nun von Kanada. Zu den bekannteren Nationalparks, die ich besuchte, gehörten unter anderem der Jasper- oder der Banff Nationalpark: Wunderschöne Landschaft und eine atemberaubende Tierwelt. Doch auch hier hat eine Form des Massentourismus bereits Einzug gehalten: Campingmobile so weit das Auge reicht und Bärensichtungen, die zum Massenspektakel werden.

Kanada - von Revelstoke nach Whistler

Von Ann-Kathrin Beißner

„Ganz Kanada ist ein Nationalpark.“ Ich weiß nicht mehr, wer mir das erzählt hat. Doch als ich das hörte, war ich zunächst erfreut: Vor meinen Augen hatte ich Bilder von meinem USA-Roadtrip, vier Jahre zuvor: Grand Canyon Nationalpark, Death Valley Nationalpark, Yosemite Nationalpark. Ich erinnerte mich an die abwechslungsreiche Natur und die atemberaubenden Weiten. Das Gleiche erhoffte ich mir nun von Kanada. Zu den bekannteren Nationalparks, die ich besuchte, gehörten unter anderem der Jasper- oder der Banff Nationalpark: Wunderschöne Landschaft und eine atemberaubende Tierwelt. Doch auch hier hat eine Form des Massentourismus bereits Einzug gehalten: Campingmobile so weit das Auge reicht und Bärensichtungen, die zum Massenspektakel werden.

Als ich schließlich die Grenzen der Nationalparks hinter mir lasse, bin ich froh. Ich befinde mich auf dem Weg nach Whistler, dem Austragungsort der alpinen Disziplinen der Olympischen Spiele 2010. Ausgangspunkt ist das kleine Provinzörtchen Revelstoke in British Columbia. Ein paar wenige Restaurants gibt es hier und jede Menge Motels. Typisch für eine Kleinstadt, die sich in der Nähe der Nationalparks befindet. Sie ist wie geschaffen für den Durchgangsverkehr.

Vor mir liegt eine Strecke von knapp 500 Kilometern, die zunächst einmal Abwechslung verspricht. Es geht westlich auf dem Highway 1 Richtung Kamloops. Je westlicher es geht, desto mehr weicht das gewohnte Grün einem dunklen Braun: Vorbei sind die Strecken, an denen man nichts außer Nadelwäldern sieht. Spätestens als ich auf den Highway 99 abbiege, wird die Veränderung deutlich: Eine trockene und felsenartige Landschaft liegt vor mir, die mich an die amerikanische Prärie erinnert. Der Verkehr wird immer weniger. Minutenlang begegnet mir kein Auto und die Anzahl der Campingmobile hat sich beinahe auf null reduziert. Entlang der Strecke führt die Eisenbahnlinie, dicht an den Abhängen der Berge entlang. Auch der Highway führt ganz nah am Abgrund vorbei – nur wenige Zentimeter trennen die Straße von der Schlucht. Höchstleistungen erbringen auf diesen kurvenreichen Straßen die Autobremsen. Für die Kanadier ist die Strecke kein Problem – die wenigen Autos und Trucks, die mir entgegen kommen oder mich überholen, wissen, wie sie hier zu fahren haben und drosseln nur an wirklich kritischen Stellen die Geschwindigkeit. Leitplanken gibt es nur sporadisch.

Ebenfalls Höchstleistungen muss die Klimaanlage erbringen, denn die Sonne knallt erbarmungslos auf das Armaturenbrett. Noch nicht einmal, als sich die Landschaft abermals verändert, die Anzahl an Nadelbäumen sich wieder vermehrt und der ein oder andere kristallklare See entlang der Strecke auftaucht, sinkt die Temperatur. Doch die Hitze hält mich nicht davon ab an den Straßenrand zu fahren, auszusteigen und mich umzusehen. Ich halte die Augen nach Bären offen, doch ich sehe keinen Einzigen. Vielleicht gibt es in diesem Gebiet keine oder vielleicht sind sie hier besonders scheu. Ich erinnere mich daran, dass insbesondere in den Nationalparks, Bären oft entlang der Straßen zu sehen sind, weil sie sich bereits an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt haben und darauf hoffen, ein wenig Futter von ihnen abstauben zu können. Auf diesem Highway ist jedoch viel weniger los als auf den Hauptstraßen in den Nationalparks. Keine Menschen, keine Bären. Stattdessen sehe ich Flüsse, die unberührt vor sich hin plätschern. Seen, an denen hunderte Holzstämme angeschwemmt sind.

Sieben Stunden soll die Fahrt nach Routenplanung dauern, doch ich brauche mindestens zehn, so oft, wie ich anhalte. Als ich in Whistler einfahre, fühlt es sich an, wie das Aufwachen aus einem schönen Traum: Der Verkehr wird stärker, die Straßen sind menschenvoll. Der für Wintersport bekannte Ort Whistler ist auch im Sommer Paradies für sportliche Aktivitäten. Die Anzahl an Mountainbikes ist gleichzusetzen mit der Anzahl an Menschen. Mich selbst interessiert jedoch mehr der Olympics Park.

Am nächsten Tag fahre ich frühmorgens los zu den 25 Kilometern entfernten ehemaligen Olympiaanlagen. Die Strecke führt mich durch bergige und kurvenreiche Waldstraßen. Am Straßenrand wird vor Bären gewarnt. Große Erwartungen habe ich jedoch nicht. Es ist früh am Morgen und der Olympia Park ist beinahe noch menschenleer. Lediglich ein paar Sommerbiathleten quälen sich den Berg hoch. Ein wenig gespenstig sieht es aus, die Skischanzen zu sehen ohne den vertrauten Schnee und die jubelnden Menschenmassen. Von weit her höre ich Schüsse: Am Biathlon Schießstand, wo einst Magdalena Neuner kräftig verschossen und trotzdem gewonnen hat, wird fleißig schießen geübt. Ich gebe die Hoffnung auf, hier oben auf dem Berg heute noch schöne Tieraufnahmen machen zu können. Durch die Schüsse wird sich alles Lebendige meilenweit zurückgezogen haben.

Doch der Rückweg gestaltet sich aufregender als erwartet. Die Straße, die den Berg herunter führt, ist autoleer. Aus dem Augenwinkel sehe ich plötzlich ein schwarzes Etwas am Straßenrand. Ich setze mit dem Auto leicht zurück und greife zur Kamera. Vergessen sind die empfohlenen 100 Meter oder zehn Buslängen Abstand: Weniger als drei Meter von mir entfernt, bewegt sich ein Schwarzbär am Straßenrand. Er ist scheinbar auf Nahrungssuche, mit der Schnauze schnüffelt er durch die Gräser. Ich öffne das Fenster und der Bär schaut mich für einen Moment an. Mein Fuß liegt auf der Bremse, allzeit bereit schnell auf das Gaspedal wechseln zu können und im Notfall einen flotten Abgang zu machen. Doch der Schwarzbär sieht mich nicht als Feind an. Er wendet seine Augen von mir ab und konzentriert sich auf das Weiterschnüffeln. Er treibt sich bestimmt oft an Straßen herum und ist so an Autos und Menschen gewöhnt. Nach einiger Zeit richtet der Bär sich auf. Ein Zeichen, dass er Gefahr wittert, hatte man mir in Jasper erzählt. Groß ist er nicht, aber trotzdem nicht ungefährlich. Nach einigen Momenten wendet er sich ab und verschwindet im Gebüsch. Ich setze meine Fahrt nicht weniger aufmerksam vor. Und ich habe noch einmal Glück. Nur wenige Hundert Meter weiter, sehe ich wieder einen Bären halb versteckt im Gebüsch. Vielleicht war er es, den der andere Bär gewittert hat.

Landkarte der Reise

Durch Klick auf die Landkarte kommt man auf die interaktive Google Map, um sich Kanada genauer anzusehen, Entfernungen zu berechnen, usw.

Revelstoke Whistler Map
Revelstoke Whistler Map

Text und Fotos: Ann-Kathrin Beißner

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

16 Kommentare zu „Kanada. Eine Reise abseits der Nationalparks – Von Revelstoke nach Whistler“

  1. Kamloops, ist da noch die Burger- Bude, der Holzbau, weißt schon, links meine ich, …..egal, aber: “Ganz Kanada ist ein Nationalpark.” wird im Bild unten und a.a.O. täglich deutlicher:

    Außerdem frage ich mich, wenn man sehr weit vom Weltgeschehen angesiedelt ist, ob es es nötig ist, in der NATO zum Großmaul zu werden? Liegt wohl am Nachbarn im Süden….Landschaft ist nicht alles.

    Gefällt mir

    1. Danke für den Link. Wieder mal zeigt sich, die Welt (auch Kanada;) ist nicht schwarz und weiss, sondern grau grau grau. Ich frage mich oft, was die Beweggründe sind so sorglos und wenig nachhaltig und ausbeuterisch mit Natur und Ressourcen umzugehen (sogar Länder wie Kanada, die man als zukunftsorientiert, nachhaltig und innovativ einschätzen würde). Ich denke, es ist der vermeintliche Überfluss: hier mal wegrohden, da mal bohren, ist ja nicht so schlimm, weil es gibt eh noch genügend davon im Umkreis. Wird es dann letztendlich knapp, gibt es einen Aufschrei und die Angst geht um, um unsere schöne Welt. Dann werden Methoden und Mittel gesucht, wie man das, was man kaputt gemacht hat, in irgendeiner Form ersetzen kann. Und wofür? Für das kurze Glück des monetären Reichtums, Öl, in diesem Fall. Extrembeispiel ist auch Ecuador, wo in Naturparks des Amazonas eingegriffen wird, um dort nach Öl zu bohren. Siehe auch Vamos pa Iquitos-Von Ecuador nach Peru der dieses Thema kurz anschneidet.

      Leider wird ökonomischer Wohlstand einer Gesellschaft noch immer an den falschen Parametern gemessen. Die Natur spielt in diesen Bilanzen kaum eine Rolle.

      Andreas (rundenreisen.org)

      PS: zur Holzhütte kann ich leider nix sagen, ich werde Anne fragen 😉

      Gefällt mir

      1. Holzhütte ist schwache Erinnerung, stärker:
        wärmster Sommer seit x+y Jahren 1982 in Vancouver und drumrum.
        „Wir gehen ans Meer“ „fishing?“
        „nö, swimming!“ „In Canada? Crazy germans…“
        Einige Bilder verbraten im Bildervideo:

        Die Folge Strandpiraten/ Beachcombers, Banküberfall, mit Blinki an der Theke bei Molly’s Reach hat das ZDF natürlich nie gezeigt.
        Aber Autogramme an einige Muttis wurden trotzdem großzügig gewährt, denn die dachten- da Bankraub- die Schurken spielen die Deutschen…. haben aber nur Bier getrunken und NOT LOOKIN TO THE CAMERA! ONLY SITTING! Kann ich gut! Eigentlich war die Kneipe ja beim Dreh zu. Aber wenn ein Deutscher Durst hat….

        Gefällt mir

  2. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die viel reisen und vor allem keine weiten Strecken oder andere Länder, was verschiedene Gründe hat.
    Doch oft habe ich den Eindruck, dass es zu viele Leute mit zu viel Geld und zu viel Zeit gibt, denn sonst wären nicht alle schönen Plätze so überlaufen, überfüllt und überdreckt.
    Liest sich gut.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s