Huánuco – Fußball und unentdeckte Ruinen in der Sierra Central der Anden

Ein Reisebericht über Fußball, unentdeckte Ruinen und beschwerliche Busfahrten bei dünner Luft in die Sierra Central nach Huánuco, Peru.

Fussball im Stadion von Huánuco

Von Michael Stöger

Befindet sich der eigene Lebensmittelpunkt in der peruanischen Hauptstadt Lima, benötigt man ab und dann ein Time-Out vom Alltagsleben in der chaotischen Metropole. Die Anden bieten sich für abenteuerliche Ausflüge immer an. Besonders an den Orten abseits der ausgetrampelten Touristenpfade erlebt man authentisches Andenleben. Ein Reisebericht über Fußball, unentdeckte Ruinen und beschwerliche Busfahrten bei dünner Luft in die Sierra Central nach Huánuco, Peru.

Inhaltsverzeichnis


Chaotische Abfahrt in Lima
Huánuco. Ankunft und Stadt
Die Ruinen von Kotosh
Ab ins Stadion – Fussball in den Anden
12 Stunden Busfahrt nach Tantamayo
Die beeindruckenden Ruinen von Piruro und Susupillo
Die beschwerliche Rückfahrt nach Lima
Die Reise in Bildern – Visual Voyage

Chaotische Abfahrt in Lima

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Lima mit seinen rund 10 Millionen Einwohnern besitzt kein ausgebautes Massentransportmittel wie U-Bahn oder S-Bahn.  Die Stadt ist riesig. Möchte man von A nach B, benötigt man ein motorisiertes Fahrzeug. Privatauto, Mini Bus (Combis), Bus oder Taxi.  Möchte man rechtzeitig zum Abfahrtsort des Überlandbusses nach Huánuco kommen, darf man auf keinen Fall in einen Stau geraten, was aber beim Verkehrschaos in Lima gar nicht so unwahrscheinlich ist. Ich brauche 1 h 15 min zum Abfahrtsort, was eine Verspätung von zwanzig Minuten zur geplanten Abfahrtszeit bedeutet. Ebenso wahrscheinlich wie ein Stau, wenn man Glück hat, ist eine unpünktliche Abfahrt des Buses. Ich habe Glück. Der Bus fährt just an diesem Tag mit neunzig Minuten Verspätung ab. Der Autoschlüssel hat die Schuld – er war nicht zu finden. Vielleicht war der Fahrer der vorherigen Route von der langen Fahrt übermüdet und hat den Schlüssel mit in den Feierabend genommen. Dennoch, man sollte nicht auf eine unpünktliche Abfahrt der Busse vertrauen, vor allem die bekannteren Busgesellschaften auf den Hauptrouten halten die Fahrpläne meistens ein.

Anmerkung des Autors: Mittlerweile wurde begonnen ein Schnellbusliniensystem und S-Bahn-Linie aufzubauen. Diese decken einen kleinen Teil der Stadt ab und funktionieren in Punkto Effizienz nicht annähernd nach europäischen Maßstäben.

Huánuco. Ankunft und Stadt

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Um nach Huánuco zu gelangen, gilt es den 4.818 m hohen Pass Ticlio zu überwinden. Die Carretera Central, die über den mächtigen Pass führt, ist verkehrstechnisch ständig überlastet. Die Luft wird auf dieser Höhe spürbar dünn und ist mit wenig Sauerstoff ausgestattet. Für die 410 Kilometer von Lima nach Huánuco benötigen wir 9 h 30 min. Huánuco ist Hauptstadt des gleichnamigen Departamentos (Bundesland) und eine verschlafene 100 000 Einwohner-Stadt, die auf ca. 1.880 m entspannt in einem wunderschönen Andental liegt. Das angenehme Klima sorgt für ebenso angenehme Atmosphäre.

Ich quartiere mich in der Nähe der Plaza de Armas in einem einfachen Hotel mit Warmwasser und Kabel-TV ein, welches mit 9,50 Euro pro Nacht verrechnet wird. Abends speise ich fürstlich. Der ausgezeichnete Italiener serviert Pasta und Bruscheta. Die Anstrengungen der zehnstündigen Busfahrt quer durch die Anden sind vergessen. Ich bin müde und gehe schlafen.

Die Ruinen von Kotosh

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Am nächsten Morgen stärke ich mich für die Tour zu den nahe gelegenen Ruinen von Kotosh. Das exzellente und preiswerte Frühstück (ca. 2 Euro) besteht aus Tee, frisch gepresstem Ananassaft und einem Eiersandwich. Kurz nach Ankunft bei den Ruinen spricht mich ein freiberuflicher Guide an, nicht auf Spanisch sondern in gutem Deutsch. Wir unterhalten uns ein bisschen. Er erzählt, er habe per Internet und TV Deutsch, Französisch und Italienisch gelernt. Er erzählt auch von den Ruinen und dass sie 2 500 Jahre vor Christi Geburt (es.wikipedia.org/wiki/Kotosh, 2014) entstanden seien. Ich bewundere die freigelegten Tempel. Am Abend trifft sich der Guide mit mir in der Stadt, um Kopien aus meinem Reisehandbuch zu machen. Fazit über Kotosh: Ein sympathischer, kleiner Ruinenkomplex der sich für einen Halbtagesausflug lohnt, wenn man sich in der Gegend befindet.

Ab ins Stadion – Fussball in den Anden

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Um 13:45 Uhr ist Anstoß. Ich eile von den Ruinen von Kotosh direkt in die Spielstätte von Leon Huánuco. Das Stadion liegt umzingelt von mächtigen Bergen. Eine beeindruckende Kulisse für das Heimmatch gegen Sport Boys aus Lima. Die 20.000 Plätze des Stadions (en.wikipedia.org/wiki/Estadio_Heraclio_Tapia, 2014) sind zur Hälfte gefüllt, vermutlich aufgrund der untypischen Anstoßzeit. Die Anstoßzeit lässt sich dadurch erklären, dass die TV-Anstalten in Peru jedes Match live im TV übertragen, und daher jedes Match zu einer anderen Zeit angepfiffen wird. Wie überall auf der Welt – der schnöde Mammon regiert den Fußball und die Anstoßzeiten. Unter den Fans im Stadion herrscht friedliche Stimmung. Schon die Sicherheitskontrollen am Eingang deuteten auf geringe Fanproblematik hin, wenn auch die Schwerpunkte der Kontrollen eigenwillig ausgelegt wurden. Einerseits wird man nicht auf Waffen untersucht, andererseits darf man keine Zeitung mit rein nehmen – man könnte diese ja aufs Spielfeld werfen. So war ich leider meine eben gekaufte, noch ungelesene Sport-Tageszeitung schon wieder los. Nach zähen Verhandlungen mit dem Sicherheitspersonal, durfte ich die Seite mit den Mannschaftsaufstellungen ausnahmsweise bei mir behalten. Das Match endet 2:0 (1:0) für die Heimmannschaft.

Fussball im Stadion von Huánuco
Fussball im Stadion von Huánuco

12 Stunden Busfahrt nach Tantamayo

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Nach der entspannenden Zeit in Huánuco mit Fußball und Ruinen möchte ich wieder Busfahren. 12 Stunden dauert die Fahrt in das lediglich 175 km entfernte, kleine vergessene Andendorf Tantamayo. Die letzten 2 km vor Tantamayo gehe ich mit meinem 20 kg Rucksack zu Fuß. Ein hängengebliebener LKW versperrte die Fahrbahn und verhinderte das Passieren unseres Busses. Die Fahrt war anstrengend. Fahrgäste übergaben sich, manche verbrachten die komplette Fahrzeit stehend, weil Tickets doppelt verkauft wurden, Hühner und Katzen waren Mitreisende. Ich erreiche nach der sehr langen Nacht früh morgens Tantamayo. Die Straße endet als Einbahnstraße mitten im Dorf.

Das 800 Seelendorf Tantamayo (en.wikipedia.org/wiki/Tantamayo_District, 2014) erlangte Bekanntheit als Ort auf der Drogenschmugglerroute, die von den „Kokainkarawanen“ genutzt wurde, um die Drogen mit schwerbewaffnetem Begleitschutz über die Anden in die Metropolregion Limas zu transportieren. In Tantamayo gibt es keinen Polizeiposten, keine Bank, nicht mal eine Disco oder Billardsalon gibt es,  zwei zuverlässige Kostanten  dörflicher Unterhaltung, die ansonsten in jedem noch so kleinen Nest Perus zu finden ist. Lange vor der Zeit des Drogenschmuggels  wurde die Region von verschiedenen Kulturen der Inka bewohnt. Die Ruinen, die teilweise noch nicht komplett freigelegt und erforscht sind, kann man heute bewundern, abseits aller Touristenpfade der so beliebten Inkarouten.

Auf dem Weg nach Tantamayo
Auf dem Weg nach Tantamayo – Hängengebliebener LKW

Die beeindruckenden Ruinen von Piruro und Susupillo

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Eben erst in der Früh, nach einer harten Nacht im Bus in Tantamayo angekommen, geht es am späten Vormittag los zu den Prä-Inka-Ruinen (Yarowilca-Kultur) von Piruro.  Als kompetenten Guide kann ich den Hausherren des Hostals gewinnen. Die nach einer 3 h-Tour erreichten Ruinen sind wenig bekannt und touristisch kaum erschlossen. Sie sind weder eingezäunt, noch wird Eintritt verlangt. Mein Wandergefährte erzählt, dass ich seit über einem Monat der erste Tourist bin, der die Ruinen besucht. Die Ruinen sollen noch wenig erforscht sein, er sprach kurz von französischen Wissenschaftlern, die in den 80ern zu forschen begannen. Aufgrund der immer schlimmer werdenden Sicherheitssituation durch das Aufkommen der Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ (Sendero Luminoso) mussten sie ihre Arbeit einstellen und flüchten. Sie kehrten nie wieder zurück um ihre Arbeit fortzusetzen.

Tags darauf sind die noch größeren Ruinen von Susupillo das Ziel meiner Wandertour. Wieder werde ich begleitet von meinem Hausherrn. Die Ruinen sind unerforscht und liegen vergessen und abgelegen. Es wird kein Eintritt verlangt. Das nationale Kulturinstitut (INC) (www.cultura.gob.pe/, 2014) hat aufgrund der Vielzahl an vorhandenen archäologischen Sehenswürdigkeiten – eine immense Anzahl, die sich jedes Jahr durch neue Entdeckungen vergrößert – kein Budget und kein Interesse sich um diese Ruinen zu kümmern. Die Ruinen sind sehr imposant, und für mich die beeindruckendste Anlage nach Machu Picchu und Choquequirao, die das Land zu bieten hat. Die Wanderzeit nach Susupillo wird mit vier Stunden angegeben. Als wir die auf 4100 m Höhe liegenden Ruinen nach neunzig Minuten erreichen, ist sogar dem schweigsamen Bergkameraden seine Anerkennung anzusehen. Am Rückweg schlagen wir uns noch durch die Pampa zu anderen Ruinen, die ca. fünf Meter Höhe erreichen und völlig von Gestrüpp überwuchert sind. Mein Guide kehrt nach fünf Jahren an diese Stätte zurück, da den Touristen dieser Abstecher nach dem Erreichen der Ruinen von Susupillo meist zu weit ist. Es regnet beinahe den ganzen Tag, der starke Wind macht es richtig kalt und ungemütlich – dies tut aber der Stimmung keinen Abbruch. Riesige Festungsanlagen, und teils fünfstöckige Wachtürme entlohnen die Anreise in dieses abgelegene Gebiet Perus.

Die beschwerliche Rückfahrt nach Lima

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Eines Mittwoch morgens um 8:50 Uhr startet das Projekt „Rückreise nach Lima“. Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse, bedingt durch starken Regen der vergangenen Tage muss ich feststellen, dass Dienstag weder der Bus aus Huánuco, noch die Minibusse aus La Unin durchkamen. Erste Info: Ich muss – mit 20 Kilogramm Gepäck – zwei Kilometer gehen bis nach La Esperanza. Gesagt, getan. In La Esperanza angekommen strömen dann alle möglichen unterschiedlichen Infos auf mich ein – nur keine über eine Transportmöglichkeit. Hier eine Zusammenfassung der drei meist gehörten Infos:

Version 1: ca. zwei Kilometer weiter gibt es Bus, Version 2: noch fünf Kilometer weiter gibt es einen Bus, Version 3: zehn Kilometer weiter im nächsten größeren Dorf Chavin gibt es einen Bus. Da es im Dorf La Esperanza weder Gasthof, noch Geschäft, noch Hauptplatz, noch Hostal gibt, spaziere ich weiter, mich schon mit der Möglichkeit anfreundend, nun die nächsten zehn Kilometer weiter nach Chavin laufen zu müssen, dort zu übernachten und am nächsten Tag den Transport in Richtung La Unión oder Huánuco zu haben. Es beginnt wieder einmal zu regnen.

Ich treffe nach vierzig Minuten Fußmarsch auf vier Elektriker, die in einem 4×4 Pick-Up unterwegs sind und mich netterweise mitnehmen. Ich springe auf. Zuerst geht es retour nach Tantamayo, die andere Bergseite einen Trampelpfad hoch, bis fast zu den Ruinen von Piruro. Nach einer Stunde ist die Arbeit erledigt, und es geht mit einem weiteren Arbeitsstop bis nach La Unión, wo ich 15:30 h eintreffe. Es mag erwähnt werden, dass es an diesem Tag weder einen Bus nach zwei Kilometer, noch nach fünf Kilometer und auch nicht nach zehn Kilometer im nächst größeren Dorf Chavin gab.

Schwein gehabt! Auf der Ladefläche nehmen wir bei strömenden Regen noch zwei Pensionisten aus Lima mit. Ich bin glücklicherweise eine der vier Personen, die die nächsten fünf Stunden im Innenraum, zwar beengt, aber immerhin trocken, hocken dürfen. Der Mann am Beifahrersitz übernimmt für die gesamte Strecke über seinen Beinen gelagert meinen 20 Kilogramm Rucksack. In La Unión, einer Provinzhauptstadt nehme ich mir ein Zimmer für ein paar Stunden, um nach ein paar Tagen mal wieder zu duschen, saubere und trockene Kleidung überzuziehen, sowie eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. Am Abend gegen 19:00 Uhr steige ich in den komfortablen Bus Richtung Lima, wo mein Abenteuer gegen 4:15 Uhr morgens endet.

Text und Bilder von Michael Stöger

Weiterführende Links

Einen ausführlichen Bericht über das vergessene Andendorf Tantamayo und die schicksalsträchtige Geschichte des Ortes findet man hier:

Das vergessene Andendorf Tantamayo

Weitere Berichte vom Autor Michael Stöger findet man hier:

https://rundenreisen.org/autoren-runden-reisen/

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

1 Kommentar zu „Huánuco – Fußball und unentdeckte Ruinen in der Sierra Central der Anden“

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