Vamos pa‘ Iquitos! – Mit dem Frachtschiff Walter Junior am Rio Napo

Keine einzige Straße führt in die 400 000 Einwohnerstadt Iquitos mitten im peruanischen Amazonas. Wer nach Iquitos will, hat zwei Möglichkeiten: 1. bequem per Flugzeug oder 2. den beschwerlichen und langen Weg voller Abenteuer auf den Flüssen des Amazonas. Aus Ecuador führt der Rio Napo über 1000 km durch das Amazonasbecken bis Iquitos in Peru. An Board eines Frachtschiffs mit Kühen, Schildkröten, jeder Menge Kochbananen und Hängematten zum Schlafen wird diese Reise zu einem prägenden Amazonasabenteuer. Philipp Schwarzenberger berichtet von dieser unvergesslichen Reise.

Sonnenuntergang am Amazonas

Keine einzige Straße führt in die 400 000 Einwohnerstadt Iquitos mitten im peruanischen Amazonas. Wer nach Iquitos will, hat zwei Möglichkeiten:  1. bequem per Flugzeug oder 2. den beschwerlichen und langen Weg voller Abenteuer auf den Flüssen des Amazonas. Aus Ecuador führt der Rio Napo über 1000 km durch das Amazonasbecken bis Iquitos in Peru. An Board eines Frachtschiffs mit Kühen, Schildkröten, jeder Menge Kochbananen und Hängematten zum Schlafen wird diese Reise zu einem prägenden Amazonasabenteuer.  Philipp Schwarzenberger berichtet von dieser unvergesslichen Abenteuerreise.

Inhaltsverzeichnis

Von Quito nach El Coca – In die Ungewissheit des tiefen Amazonas-Dschungels
Erdölförderung im Amazonas
Mit Kapuzineräffchen, kunterbunten Vögeln und Schildkröten zum Grenzübergang Ecuador / Peru
Das Leben im Amazonas-Dorf Pantuja
Vamos pa Iquitos – Das Frachtschiff
Gesucht: Walter Junior
Iquitos – Von der Ruhe des Dschungels in die Hektik der Großstadt
Die Route auf Google Maps

Von Quito nach El Coca – In die Ungewissheit des tiefen Amazonas-Dschungels

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Wie es der Zufall auf Reisen will, schafft er es die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammenzubringen. Nach fünf Tagen in Ecuador habe ich einen Holländer kennengelernt, der die gleiche Idee im Sinn hatte: mit dem Boot am Rio Napo (Amazonas) von Quito, Ecuador, nach Iquitos, Peru, zu reisen.  Erste Recherchen im Internet ergaben, dass die Route nicht von vielen Touristen gewählt werde und es kein „Spaziergang“ werde, sondern eine anstrengende Reise mit vielen unberechenbaren Risiken.

Am nächsten Tag starteten wir die Reise mit dem Bus von Quito in das 12 h Fahrzeit entfernte El Coca (Puerto Francisco de Orellana). Die erste Etappe führte uns ins ecuadorianische Andengebiet. Spektakuläre Ausblicke auf Landschaften voller Schluchten, Flüsse und Wasserfälle machten die Fahrt zu einem kurzweiligen, wundervollen Erlebnis. Als wir tiefer in den Dschungel vordrangen, konnte man Merkwürdiges beobachten. Obwohl in diesem Gebiet wenige Menschen lebten und ein Großteil davon in armen Verhältnissen, waren die Straßen und Verkehrsschilder neu und europäischem Standard angepasst. Wir beobachteten reihenweise riesige LKW, die Erdöl transportierten. Wir entdeckten unzählige Erdölraffinerien. Uns wurde bewusst, wir landeten mit in einem riesigen Gebiet für Erdölgewinnung.

El Coca war eine für dieses Gebiet größere Stadt mit dichtem Verkehr und viel Industrie. Ein Hostal für fünf Dollar war schnell gefunden. Noch am selben Abend machten wir uns auf, um mehr Informationen darüber zu bekommen, wann und wo die ersten Boote Richtung Grenze abfahren würden. Am Hafen in einem kleinen Touristenbüro bekamen wir Antworten, jedoch nicht nur positive: „Ein Boot zur Grenze fährt jeden Tag. Doch von der Grenze nach Iquitos, da gibt es nur ein großes Frachtboot, das nur einmal im Monat diese Strecke fährt. Allerdings ist es nie sicher, wann genau dieses Frachtboot fährt.“ Wir ließen uns davon nicht abschrecken, denn wer oft auf Reisen ist, weiß, dass viele von den erhaltenen Informationen, häufig nicht der ganzen Wahrheit entsprechen. So kommt es vor, dass man am selben Tag von fünf verschiedenen Leuten fünf verschiedene Antworten auf die ein und dieselbe Frage bekommt. Wir kauften Proviant für die nächsten Tage ein. Wir wussten, wir werden so schnell keine größere Stadt mehr zu Gesicht bekommen würden.

Erdölförderung im Amazonas

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Am nächsten Morgen um 7:00 Uhr ging es los. Das Boot, ein Kanu für ungefähr vierzig Personen, war voll. Wir waren die einzigen Touristen an Board. Schnell gesellte sich Miguel, geboren hier in diesem Gebiet und  ein Guide für eine Amazonaslodge, zu uns. Er erzählte, es gäbe hier nicht viele Touristen und die hier stationierten Erdölraffinerien seien einer der Gründe dafür. Die Investoren hätten schließlich kein großes Interesse daran, dass man durch den Raubbau und die Verschmutzung durch die Erdölförderung in den Fokus der Aufmerksamkeit geriete.  Es hätte hier vor Jahren einen richtigen Erdölboom gegeben. Seitdem wurde immer mehr vom Naturschutzgebiet zerstört und gerodet. Aktuell wären die in diesem Gebiet lebenden Indianer bedroht und es würde wohl keine Chance geben, das Leben, wie sie es bisher gewohnt waren, weiterzuführen. Es ist eine Geschichte, die hier im Amazonasgebiet überall vorkommt. Eine Geschichte, die geprägt ist vom Raub an Land und Leuten. Zu alle dem bliebe das erwirtschaftete Geld nicht im eigenen Land, um es etwa für den Aufbau wichtiger Strukturen nutzen zu können.

Dorf am Fluss
Dorf am Fluss

 

Mit Kapuzineräffchen, kunterbunten Vögeln und Schildkröten zum Grenzübergang Ecuador / Peru

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Der Weg nach Roca Fuerte (ein kleines Amazonasdorf an der Grenze Ecuadors) führte uns durch das wunderschöne Naturschutzgebiet, vorbei an kleinen Siedlungen, kunterbunten Vögeln, Schildkröten und jede Menge Kapuzineräffchen. Oft hielt das Kanu mitten im Nirgendwo an und die Leute stiegen am Ufer aus oder andere Familienmitglieder warteten bereits in einem anderen Kanu, um sie entgegenzunehmen. Alle Passagiere waren voll beladen mit Nahrungsmitteln und anderen Dingen. In den kleinen Siedlungen mitten im Dschungel gibt es keinen Laden, wo man schnell etwas einkaufen kann. Die Fahrt in die Stadt nach El Coca dient den Leuten um Einkäufe zu erledigen oder Freunde zu besuchen. Danach fährt man im Kanu zurück in die kleinen Dörfer mitten im Dschungel.

Nach 12 h kamen wir in dem kleinen Dorf an und da es nur ein Hostal und einen Laden gab, war es nicht all zu schwierig eine Person zu finden, die uns sagen konnte, wie es von hier aus weiter nach Peru ginge. Manuel, der „Bürgermeister“ des Dorfes, hatte alle nötigen Infos. Es gäbe ein Boot, das uns in 2 h an die peruanische Grenze bringen könne. Am nächsten Morgen erhielten wir unseren Ausreisestempel und wir machten uns mit einem kleinen Kanu für vier bis fünf Personen auf zur Grenze.

Es war ein anderes Gefühl, dem Fluss so nah zu sein. Es begann zu regnen. Auf  Sanderhebungen mitten im Amazonas-Fluss tummelten sich unzählige Hunde, die von den Menschen dort ausgesetzt wurden, da sie am Festland bereits zur Plage wurden. Zumindest würden so die Krokodile von den Dörfern ferngehalten werden, erklärte uns Manuel.

Vorbei an der peruanischen Landesgrenze kamen wir in dem Dorf Pentoja in Peru an. Es gab einen Einreisestempel und wir stellten uns darauf ein, dass wir hier wohl eine Zeitlang verbringen würden. Mathey aus Canada wartete bereits zweieinhalb Wochen auf das Boot nach Iquitos und war, wie es schien, schon Dorfmitglied. Laut Aussage der Dorfbewohner käme das Boot in vier Tagen hier an. Es war somit Glück für uns, zur richtigen Zeit hier angekommen zu sein.

Kanu zur Grenze Ecuador / Peru
Kanu zur Grenze Ecuador / Peru

Das Leben im Amazonas-Dorf Pantuja

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Schnell war ein Platz zum Schlafen gefunden. Eine Terrasse, Platz für drei Hängematten und Mosquitonetze. Die Terrasse befand sich mitten im Dorf und wie man sich vorstellen kann, spielt sich in solchen Dörfern alles auf der Straße ab. Wir waren somit mitten im Geschehen. Das Dorf bestand, wie es schien, zu achtzig Prozent aus Kindern. Das bedeutete, es wurde viel herumgetollt, gespielt und ständig gelacht.

Wir sammelten jeden Tag jede Menge Limonen, Mangos und Kokosnüsse, die es in diesem Gebiet im Überfluss gab. Gekocht wurde stets auf offenem Feuer. Täglich um 17:00 Uhr marschierte die Grenzmarine zum Apell durchs Dorf. Für die Kleinen im Dorf war das ein riesen Ansporn mit zu laufen.

Täglicher Rundlauf des Militärs in Pantuja
Täglicher Rundlauf des Militärs in Pantuja

 

Vamos pa‘ Iquitos – Das Frachtschiff

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Nach vier Tagen ist der Amazonasdampfer „Walter Junior“ tatsächlich eingetroffen. Es kam zu einer interessanten Begegnung mit Joshua aus Kalifornien. Komplett erledigt, schmutzig und nach Hühnerstall stinkend, kam er uns mit einem Motorrad vom Boot entgegen. Er erzählte uns, dass er über einen Monat in einem kleinen Dorf nahe bei Iquitos auf das Boot gewartet habe und diese Fahrt die schlimmste in seinem Leben gewesen wäre. Es gäbe keine Regeln auf dem Schiff, das Essen sei fürchterlich und es gäbe nur ein Klo, das durchgehend bis zu den Knöcheln mit Wasser gefüllt wäre.

Nach dem ersten Rundgang war klar, dass es ein Frachtschiff für Lebensmittel und Tiere ist und nicht in erster Linie dazu diente Touristen zu befördern. Wie ließen uns nicht davon abschrecken und fanden schnell einen geeigneten Platz für unsere Hängematten. Aufgeweckt wurden wir am nächsten Tag von einem heftigen Stoß gegen das Boot. „Walter Junior“ wollte am Morgen los fahren, doch dann fiel der Motor aus und das Boot trieb flussabwärts gegen das Ufer. Buenos Dias Felipe, Vamos pa‘ Iquitos und die Fahrt ging weiter.

Es gab drei Mahlzeiten pro Tag und da einiges dabei war, dass ich im Leben nicht angerührt hätte, da ich Vegetarier bin, musste ich auf meinen mitgebrachten Proviant ausweichen. Auf dem Dach des Bootes fühlte man sich wie in einer Dokumentation über eine andere Welt. Gehalten wurde ca. alle zwei Stunden in kleinen Siedlungen am Amazonas. Es wurden Lebensmittel wie Kochbananen und Tiere wie Kühe, Schweine, Ziegen, Hühner und Schildkröten aufgeladen. Das Aufladen der Kühe stellte sich als besonders schwierig heraus. Das Ufer brach ein und die Kuh fiel in den Fluss. Es war ein Schauspiel wie die Board Crew es doch vollbrachte, das Tier auf das Boot zu bekommen. Manch Tierschützer hätte sich hier aufgeregt. Doch das Verhältnis zu Tieren ist in dieser Welt ein anderes. Anderes Land andere Sitten.

Ich gewann Einblicke in eine andere Welt. Viele in den Siedlungen lebenden Menschen waren noch nie in einer größeren Stadt oder  in der Schule. Hier erzieht die Dorfgemeinschaft und gelernt wird, was für die Gemeinschaft wichtig ist, z.B. der Anbau von Gemüse, Fischen, Tierhaltung, das Bauen von Bambushütten usw.

Walter Junior - Das Frachtschiff für die Reise über den Rio Napo
Kühe und andere Fracht auf Walter Junior

 

Gesucht: Walter Junior

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Täglich gab es einen spektakulären Sonnenuntergang, gepaart mit einer milden Amazonasbrise und einem Gefühl der Dankbarkeit, diese einzigartige  Erfahrung machen zu dürfen. Als wir nach drei Tagen in einem für diese Gegend größeren Dorf gelandet waren, war Zeit, um die Füße zu vertreten und ein kühles Bier zu genießen. Uns wurde gesagt das Boot halte hier zwei Stunden, genug Zeit für einen Rundgang. Als wir nach einer Stunde zurückkamen, war Walter Junior leider verschwunden. Nervös fragten wir wild in der Gegend herum, ob einer gesehen hätte, wo das Boot hin wäre. Uns wurde geraten, flussabwärts zu suchen, da es dort noch eine andere Anlegestelle gäbe. Mit einem Mototaxi, vollgestopft mit fünf Leuten, machten wir uns auf die Suche. Nach 15 min konnten wir Walter Junior tatsächlich entdecken. Auf die Frage warum man nicht auf uns gewartet habe, erklärte uns der Kapitän, dass es hier vor kurzem mehrere Überfälle von Piraten gegeben habe und die Marine-Polizei jedes Schiff in der Gegend kontrollieren möchte. Da dies natürlich viel Zeit in Anspruch nähme und der Kapitän darüber hinaus keine Lizenz habe Touristen zu transportieren, entschied er sich ein Stück außerhalb de Stadt zu warten. Ende gut, alles gut, die Fahrt ging weiter und am nächsten Morgen liefen wir in Iquitos ein.

Die Kuh muss auf Walter Junior
Die Kuh muss auf Walter Junior

 

Iquitos – Von der Ruhe des Dschungels in die Hektik der Großstadt

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Das Frachtschiff „Walter Junior“ war randvoll beladen mit Lebensmitteln und Tieren. Innerhalb von einer Stunde waren die Sachen auf dem Boot verkauft. Die Menschen stürmten regelrecht auf das Boot, von allen Seiten, auch mit Booten. Es wurden Tiere und Lebensmittel in andere Boote hineingeworfen und auf Mototaxis verladen. Naja, es ging zu wie auf dem Jahrmarkt und an dieser Situation konnte man gut erkennen, was es bedeutet in einer so großen Stadt zu leben, die  jedoch nur mit dem Flugzeug oder Booten beliefert werden kann.

Iquitos, laut, schmutzig und hunderte von hupenden Mototaxis. Das alles hatte einen Touch von Indien. Überall Leben, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Nachdem wir ein Hostal gefunden hatten, ging es direkt los zum größten Markt von Iquitos, der gefüllt war mit Kuriositäten. Es hatte den Anschein, es gab alles zu kaufen was man sich vorstellen konnte. Der Fleischmarkt bot einiges Fremdes für europäische Augen. Es gab Alligatoren, Schildkröten, Schlangen und Katzen. Ja, ich meine Katzen (Im Süden Perus ist das eine alte Tradition. Es gibt sogar ein Fest, an dem das Essen von Katzen zelebriert wird). Der Gemüse- und Obstmarkt war kunterbunt gefüllt. Es gab Stände an denen man sich Dinge wie Ayahuasca, San Pedro,  und Mapacho (Tabak) ebenso kaufen konnte wie Pulver, das dem einzigen Zweck diente, andere Menschen zu verhexen (Polvo del diablo).

Auf dem Weg zurück zum Hotel, entdeckten wir das schwimmende Dorf „Belen“. Es bestand aus hunderten kleinen Holzhütten, gebaut auf Flossen, die permanent vom Amazonas in Bewegung gehalten werden. Die Menschen waren sehr interessiert an unserer Ankunft und luden uns zum Mitplantschen ein. Es war erschreckend, wie verschmutzt der Fluss dort war. Es gab kein richtiges Abfallsystem und der Müll wurde zum Fenster in den Fluss geworfen. Ein Leben mit und auf dem Fluss, ständig in Bewegung, sich seinen Weg bahnend. Das verkörperte Iquitos, alles voller Leben und ständig in Bewegung.

Iquitos - Belen
Iquitos – Belen

 

Die Route auf Google Maps

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Bildergalerie der Reise

Eine Bildergalerie der Reise von El Coca (Ecuador) nach Iquitos (Peru) am Rio Napo findet man hier.

Text und Fotos von Philipp Schwarzenberger

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

5 Kommentare zu „Vamos pa‘ Iquitos! – Mit dem Frachtschiff Walter Junior am Rio Napo“

  1. Interessanter Bericht, der sehr gut Lebensfeeling und Transportmoeglichkeiten im Amazonasgebiet wieder gibt. Wollte diese Tour selbst mal machen von Coca aus – war aber dann zu feig dazu!

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