Tantamayo, Peru. Das vergessene Dorf in den Anden

Bus nach Tantamayo

In den 80ern gebeutelt vom Terror des Leuchtenden Pfades (Sendero Luminoso), in den 90ern Hochburg des peruanischen Drogenhandels, in beiden Jahrzehnten von schweren Schicksalen und traurigen Biographien gezeichnet, liegt das 800 Seelendörfchen Tantamayo vergessen auf 3500 m in den peruanischen Anden. Michael Stöger bereiste den Ort von Huánuco aus und die Menschen in Tantamayo erzählten ihm von früher. (1491 Wörter)


Inhaltsverzeichnis

Anreise mit Hindernissen, Hühnern und Erbrochenem
Am Rande der Drogenschmuggler-Route
Keine Bank, keine Disco, eine Schule und ein Arzt
Terror und Drogen
Folter und Hinrichtungen in Tantamayo
Koka-Paste, Nutten und Drogenbosse aus Mexico und Kolumbien
Geheime Treffen und Zwang
Links und Literaturhinweise

Tantamayo. Anreise mit Hindernissen, Hühnern und Erbrochenem

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Der einzige Bus von Huánuco Richtung Tantamayo startet um 2 Uhr morgens. Die geplante Fahrzeit für die folgenden 157 Kilometer nach Tantamayo wird mit 7 bis 8 Stunden angegeben. Wir brauchen 11 h 30 min – ohne Pause. Alles bedingt durch einige Pannen, notwendige Reparaturen am Bus und die im Verlauf der Strecke immer schlechter werdenden Straßenverhältnisse. Trotzdem schaffen wir es bis ca. 2 Kilometer vor Tantamayo. Dann ging wirklich nichts mehr – ein LKW bleibt hängen, unser Bus hat keine Chance vorbeizukommen. Da es unwahrscheinlich ist, dass der LKW in den nächsten Stunden befreit werden kann, entscheide ich mich spontan, einigen anderen Mitreisenden folgend, meinen 20 Kilogramm Rucksack zu schnappen und mich per pedes durch den Matsch auf nach Tantamayo zu machen.

Zurück bleibt der komplett überladene Bus, den ich nach den Erfahrungen der vergangenen Nacht gar nicht so ungern verlasse. Es war Andenfeeling pur: Hühner und Katzen im Bus, Leute übergaben sich während der Fahrt auf den Boden des Busses (u.a. mein Sitznachbar), Tickets wurden teilweise doppelt verkauft, woraufhin einige die ganze Strecke stehend verbrachten. Es regte aber niemanden so wirklich auf. Es war der einzige Bus der nach Tantamayo fährt, und anscheinend kommen diese kleinen Widrigkeiten häufiger vor und gehören einfach dazu, eben Andenfeeling pur.

Anreise nach Tantamayo - Hängengebliebener LKW
Anreise nach Tantamayo – Hängengebliebener LKW

Tantamayo. Am Rande der Drogenschmuggler-Route

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Tantamayo, der Hauptort des gleichnamigen Distrikts ist ein 800 Seelendorf und liegt auf ca. 3.500 m Höhe (en.wikipedia.org/wiki/Tantamayo_District, 2014). Die Straße endet wie in einer Sackgasse mitten in Tantamayo. Das Dorf ist von allen Seiten von massiven Bergrücken umgeben. Auf der anderen Bergseite – im Urwald – nur ca. 25 Kilometer oder 8 h Fußmarsch entfernt, liegt der Drogenumschlagplatz Monzón. Die Einwohner Tantamayos erzählen, dass oft schwerbewaffnete Drogenkarawanen mit ca. 800 Kilogramm bis 1000 Kilogramm Kokain über die Anden ziehen. Der nächste Polizeiposten ist ca. 30 Kilometer entfernt. Es handelt sich jedoch nicht um europäische Autobahnkilometer, sondern um unwegsame, peruanische Trampelpfad-Straßenkilometer. Somit sind die lediglich 30 Kilometer kaum unter einer Fahrzeit von 2 Stunden zurücklegbar. Die Drogen können in aller Ruhe auf LKWs verladen werden. Die Leute werden nett gegrüßt. Dann beginnt die Drogen-Reise in Richtung Pazifikküste zu den großen peruanischen Agglomerationen.

Tantamayo. Keine Bank, keine Disco, eine Schule und ein Arzt

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Der Ort Tantamayo besitzt keine Bank, keinen Polizeiposten, keine Disco und keinen Billardsalon. Es gibt kleine Läden, wo man Limos, Keks, Eier und Thunfisch bekommt. Die Läden sind aber eigentlich immer geschlossen. Es gibt zwei Restaurants. Während meines zweitägigen Aufenthaltes sind diese aber leider immer geschlossen. Es gibt eine Volks- und Hauptschule. Der im Ort ansässige Gesundheitsposten (Puesto de Salud) ist erfreulicherweise für die dort lebende Bevölkerung sogar mit einem Arzt (Allgemeinmediziner) ausgestattet. Dies mag für mitteleuropäische Verhältnisse keine Erwähnung wert sein; in Peru kommt es aber häufig vor, dass weit abgelegene Ortschaften zwar einen Gesundheitsposten haben, diese aber nur von Krankenschwestern betreut werden, und der nächste Arzt stundenlang entfernt ist.

Ich finde ein freies Bett für die Nacht um 10 Soles (ca. 3 Euro) in einer der drei Unterkünfte des Ortes. Das WC befindet sich außerhalb des Hauses in einer kleinen Hütte, verfügt aber zumindest über eine Spülung. Dusche ist nicht vorhanden, dafür verlockt eiskaltes Wasser in einem kleinen Open-Air-Waschbecken zur Körperhygiene. Die Familie meines Hausherren verpflegt mich glücklicherweise, und das ausgezeichnet. Alle sechs Mahlzeiten während meines zweitägigen Aufenthaltes werden am offenen Feuer zubereitet. Quinua-Suppe, Caldo Verde Kräutersuppe, Nudeln mit Fleisch werden zubereitet. Tee, Brot und Marmelade werden extra für mich besorgt, damit der Europäer sein gewohntes Frühstück einnehmen kann.

Blick auf das 800 Seelendorf Tantamayo
Blick auf das 800 Seelendorf Tantamayo

Tantamayo
Tantamayo

Kinder in Tantamayo
Kinder in einem Wohnhaus in Tantamayo

Tantamayo. Terror und Drogen

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In den 80er und 90er Jahren wurde die Gegend rund um Tantamayo vom grauenvollen Terrorregime des Leuchtenden Pfades (Sendero Luminoso) beherrscht. Ende der 90er entwickelten sich in der Region Hochburgen des Drogenhandels, die meist am Osthang der Anden in Urwaldnähe ihre Zentren hatten. Bereist man die Gegend wird viel von dieser bewegten Zeit erzählt. In diesem kleinen, 800 Seelendorf Tantamayo kommt man leicht spannenden Lebensgeschichten und rührenden Schicksalen auf die Spur, wenn man Zugang zu den Leuten findet. Es ist hochspannend ihren Erzählungen zu lauschen.

Folter und Hinrichtungen in Tantamayo

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Ich treffe einen alten Mann am Hauptplatz von Tantamayo. Er erzählt von früher:

„Von 1984 weg hat Tantamayo viel gelitten. 10 Jahre lang wurden Regierungsbeamte, Bürgermeister, Gemeinderat, Richter, Polizei, usw. bedroht. Geschäfte wurden geplündert. Einfache Bauern wurden unter Gewaltandrohung und Gewaltanwendung als Terroristen angeworben. Neutrale Dorfbewohner auf der anderen Seite vom Militär als Terroristen behandelt. Viele Unschuldige wurden vom Militär in der ortsansässigen Schule gefolgert, ohne fairen Prozess und ausreichend Beweise als Terroristen vorgeführt und ermordet. Als das Militär abzog, fand man viele Leichen, sowie abgeschnittene Hände etc. in der Schule – es war einfach nur grauenhaft.“

In vielen historischen Dokumenten, wie etwa im Bericht der peruanischen Kommission für Wahrheit und Versöhnung (www.cverdad.org.pe/, 2014) kann über die Ursachen nachgelesen werden. Als Gründe für die Hinrichtung von Unschuldigen wird die ständige Angst der oftmals jungen, schlecht ausgebildeten Militärs in diesen abgelegenen, teils von Terroristen dominierten Gebieten des Landes, genannt. Zudem gab es oft Belohnungen für die einfachen Soldaten in Form von freien Tagen etc., wenn eine gewisse Quote an geschnappten, gefolterten und dann hingerichteten Terroristen erfüllt werden konnte.

Koka-Paste, Nutten und Drogenbosse aus Mexico und Kolumbien

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Ein junger Mann  erzählt mir, dass im Jahr 1997/98 Tantamayo kurzzeitig zum Drogenmekka Perus wurde. Zu dieser Zeit sollen mexikanische und kolumbianische Drogenbosse hier ein und ausgegangen sein. Der kleine Ort erlebte einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, wuchs, Prostituierte überschwemmten den Ort, Luxusartikel wurden in Geschäften zum Verkauf angeboten. Von alldem ist heute in Tantamayo nichts mehr zu erkennen. (Anmerkung des Autors: Solche „Boom-Orte des Drogenhandels gibt es immer wieder im Land in abgelegenen Gegenden. Nach einem großen Militäreinsatz „sterben“ diese Orte wieder und das Geschehen verlagert sich in ein anderes Gebiet. Das Spiel beginnt von vorne)

Es ist ein offenes Geheimnis im Dorf, dass viele der jungen Burschen in den 90ern auf die andere Bergseite in den Urwald gingen, um sich ihr karges Einkommen aus der Landwirtschaft, auf den Kokaplantagen aufzubessern. Man konnte ca. das Fünffache eines peruanischen Lehrergehalts zu dieser Zeit verdienen. Heute sind die Gehälter auf den Drogenplantagen in dieser Region angeblich gesunken, die jungen Leute ziehen mit großen Hoffnungen (die selten erfüllt werden) in die Hauptstadt Lima.

Ein Ladenbesitzer erzählt, dass er sich einiges an Geld durch die Arbeit auf den Drogenplantagen ansparen konnte. Zu dieser Zeit lernte er natürlich auch Koka-Paste auf den Plantagen kennen. Montag bis Freitag arbeitete er 4 Jahre im tiefsten Urwald. Samstag und Sonntag ging es in die Stadt (sprich ins nächstgrößere Dorf) um auf großem Fuß zu leben und einen Großteil des Einkommens wieder zu verprassen. Alkohol und Frauen in Massen, Schuhe um 200 USD – die jungen Burschen fühlten sich wie kleine Drogenbosse und versuchten deren Lebensstil zu imitieren. Dann verkaufte er Kleidung und Schuhe als fahrender Händler im Drogenanbaugebiet um Monzón. Da im Anti-Drogen-Kampf immer mehr Polizeispitzel eingeschleust wurden, wurden daraufhin alle fahrenden Händler als Verräter und Feinde betrachtet und auf Befehl der Drogenbarone abgeschlachtet. Er ließ dieses Geschäft glücklicherweise rechtzeitig sein, verlor seinen neu erworbenen Wohlstand und ging zurück als Landwirt auf die Felder.

Geheime Treffen und Zwang

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Zu dieser Zeit, in den 90er Jahren zwang der Leuchtende Pfad die Arbeiter noch 1-2-mal wöchentlich an ihren Treffen teil zu nehmen. Dies bedeutete teilweise stundenlangen Fußmarsch zu den versteckten Versammlungsorten – Widerrede war keine möglich. Auf diesen Treffen wurden immer wieder Personen angeworben, Propaganda verteilt. Man  berichtete mir sogar von einer Exekution vor ihren Augen als abschreckendes Beispiel für Verräter. Es lebten in diesen Jahren viele Terroristen wie ganz normale Bürger im Dorf. Keiner verpfiff je den eigenen Nachbarn. Zudem gab es nie einen ständig besetzten fixen Polizeiposten. Den gibt es auch heute noch nicht in Tantamayo, dem vergessenen Dorf in den peruanischen Anden.

Anmerkung des Autors: Die Namen der Zeitzeugen werden bewusst nicht genannt, ebenso wurden teilweise ihre Berufe abgewandelt um eine ansonsten mögliche Identifizierung der zitierten Quellen aufgrund der Brisanz des Themas aus Sicherheitsgründen zu vermeiden.

Text und Fotos von Michael Stöger

Links und Literaturhinweise

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Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

4 Kommentare zu „Tantamayo, Peru. Das vergessene Dorf in den Anden“

  1. 1989 war ich in diesem sehr einsam gelegenen Dorf “ Tantamayo“ !
    Es war meine dritte Reise nach Peru und zählt zu meinen schönsten
    Erlebnissen. Eine Woche lang durchwanderte ich die Ruinen der Yaro-
    Kultur, ich besuchte Piruru und Susupillo und die anderen kleinen Ruinen. Es war hoch interessant und auch nicht ungefährlich in dieser Region zu Wandern! Herzliche Grüsse !!!

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