ALBANIEN – Ein touristisches Road Movie durch Albanien im Mai 2014

Von Baustellen, Ziegenhirten, Großstadteleganz und kulinarischen Hochgenüssen: ein Bericht über ein Gefühl, über Erlebnisse und Erfahrungen, über schöne und hässliche Orte, über wundervolle Begegnungen und dem großen Staunen während einer individuellen Reise durch Albanien im Mai 2014. Es reisen zwei Erwachsene und ein 11 Monate altes Kleinkind.

ON THE ROAD

Von Baustellen, Ziegenhirten, Großstadteleganz und kulinarischen Hochgenüssen: ein Bericht über ein Gefühl, über Erlebnisse und Erfahrungen, über schöne und hässliche Orte, über wundervolle Begegnungen und dem großen Staunen während einer individuellen Reise durch Albanien im Mai 2014. Es reisen zwei Erwachsene und ein 11 Monate altes Kleinkind. (3014 Wörter)

Inhaltsverzeichnis

Kuba oder Albanien
Tirana
Vlora
Himara
Saranda
Gjirokastra
Fier
Ulcinj, Montenegro
Albanien. Du wilde, verrückte
Schönheit

Kuba oder Albanien

nach oben
Eigentlich wollten wir nach Kuba. Doch dann beschlossen wir, einen Flug nach Tirana zu buchen, ein Auto zu mieten und die albanische Küste zu erkunden.  Dass man nicht nur in Kuba mit der Zeitmaschine reist, haben wir bemerkt, als wir Tirana Richtung Süden verlassen haben, um uns auf eine Runde Frühlingsreise in das europäische Unbekannte, Albanien zu begeben. Einmal quer durchs Land. Von oben nach unten und von unten nach oben in knapp 14 Tagen.

Tirana

nach oben
Die Hauptstadt Albaniens, das wirtschaftliche, politische Zentrum des Landes und unser Ankunftsort. Es ist die erste Station der Reise.

Tirana. Auch Maschinen brauchen Schlaf

Tirana kennen wir von unserer Balkantour 2012. Die Stadt blieb uns in wunderbarer Erinnerung. Grund dafür waren die freundlichen Menschen, das exzellente Essen, der köstliche Raki, die vielen Bars, die vielen jungen Menschen, das lebhafte Nachtleben. So fiel die Entscheidung leicht, wieder zurückzukehren und Tirana zum Startpunkt einer kleinen „go with the flow“-Rundreise zu machen.

Wir landen spät nachts mit der letzten Ankunft des Tages am Flughafen „Mutter Theresa“ von Tirana. Der Taxifahrer nimmt unser Gepäck entgegen, verstaut es im offiziellen Flughafentaxi und bringt uns in unser vorab reserviertes Hotel „Town House“ im Zentrum der Stadt. Vorher wollen wir Bargeld beziehen, um das Taxi zu bezahlen. Doch keiner der Geldautomaten, die wir am Weg ausprobieren, akzeptiert unsere Karte. Der Taxifahrer erklärt warum: „In the night, machine is sleeping“.

Tirana. Alte Bekannte in neuem Gewand

Die Umgebung des Hotels ist uns bekannt. Die Gegend rund um den Bulevardi Bajram Curri ist klassische Wohngegend mit etlichen kleinen Verkaufsläden in den Untergeschoßen der Häuser. Diese sind bis an die Decke mit Ware voll gestaut sind. Etliche Straßenverkäufer bieten alles an, was angeboten werden kann, von Gemüse bis Mobiltelefone, einfach alles. Manche haben einen Verkaufsstand, manche breiten ihre Ware einfach am Fußweg aus. Ein Bild, das sich in der ganzen Stadt finden lässt. Die Architektur des Hotels kommt uns bekannt vor. Wir wissen bald warum: Es ist das gleiche Hotel wie 2012, nur renoviert und schön gemacht. Vieles ist im Umbruch und Aufbruch, vieles verändert sich in Tirana, die Stadt schreitet voran und ist heute eine moderne südeuropäische Hauptstadt, der es (zumindest auf den ersten touristischen Blick) an nichts fehlt.

Tirana. Restaurants und Bars im Blloku Viertel verzögern die Weiterreise

Das Blloku Viertel ist das ehemalige Villenviertel der früheren Machtinhaber Albaniens rund um Enver Hoxha. Heute ist es das Zentrum des Nachtlebens. Bar reiht sich an Bar, Restaurant an Restaurant. Die jungen, schicken Menschen Tiranas treffen sich, die Lokale sind gut besucht. In einer Seitenstraße wummern die tiefen Bässe treibender Technomusik. Das könnte auch ein Sommer in Berlin sein. Es ist früher Nachmittag. Wir lassen uns einfangen von der entspannten Atmosphäre, setzen uns in den Park, bestellen Bier und Wein, essen, trinken Verdauungs-Raki. Wir beobachten die Tiranaer, die Alten, die Jungen, die Familien, die Verkäufer von Kinderspielzeug und Popcorn, unseren elf Monate alten Sohn, der mit jungen Albanerinnen kokettiert, bestellen mehr Wein und Bier, denken uns, mit der morgigen Weiterreise wird das so nix, sind der Meinung, ist doch egal, fahren wir halt übermorgen.

Nächste Etappe. Vlora

Vlora

nach oben

Vlora ist zentraler Ausgangspunkt für Touren an der Albanischen Riviera. Historisch erlangte die Hafenstadt Berühmtheit durch die in Vlora Anfang 1997 beginnenden Unruhen, die zum Sturz der Regierung führten. Anarchische Verhältnisse und massive Flüchtlingsströme folgten. Durch die Nähe zu Italien (60 km entfernt) war Vlora perfekter Ausgangsort für die Flüchtlingsströme in den Westen und Schmuggel aller Art.

(de.wikipedia.org/wiki/Vlora, 2014)

Vlora. Beton 1 und das besänftigende Rauschen der Adria

Das Vorhaben die Reise übermorgen fortzusetzen, verschieben wir um einen Tag. Überübermorgen also starten wir unsere Fahrt an die in vielen Reiseführern ob ihrer Schönheit gepriesenen Albanischen Riviera. Einsame Buchten, kristallklares Wasser, Strand, Sonne und Meer sind die unwiderstehlichen Versuchungen der Küstenregion bei Vlora und südlich davon. Das Mietauto und die gut ausgebauten Straßen entlang der Küste ermöglichen uns zügigen Fortschritt im Abspulen der lediglich 152 km von Tirana nach Vlora. Das Landschaftsbild ist skurril, v.a. jenes, das von Menschenhand erschaffen wurde. Rohbauten, Betonpfeiler für neue Tankstellen, alte verwahrloste und ungenutzte Tankstellen. Unmittelbar nebeneinander eine christliche Kapelle, eine alte Fabrik, ein Betonklotz, dessen zentral ausgerichtetes Eingangstor im „Admiral Sportwetten“-Design erstrahlt und die Stockwerke darüber lediglich aus Betonpfeilern und ein paar zum Trocknen aufgespannten Wäscheteilen bestehen. Ein Bild des riesigen städteplanerischen Chaos und Durcheinanders, das uns den weiteren Reiseverlauf begleiten wird.

Wir übernachten außerhalb von Vlora in einem wundervoll gelegenen Hotel. Ein Hotel, mitten in eine riesige Meeresklippe gebaut. Ein Zimmer mit großzügigem Balkon, fast direkt über der Brandung. Das Rauschen der leichten Wellen lässt uns nach den vielen Eindrücken der Autofahrt zur Ruhe kommen. Trotz der Ruhe reisen wir am nächsten Morgen ab. Weiter Richtung Süden, Richtung Grenze zu Griechenland. Dort, wo das Meer noch klarer und noch blauer ist als sonst wo.

Nächste Etappe. Himara

Himara

nach oben

Die Kleinstadt Himara ist beliebtes touristisches Zentrum der Albanischen Riviera. Die umliegenden Strände und Buchten sind zahlreich. Die Berge dahinter mächtig und imposant.

Himara. Ein Berg, ein Blick, eine Freude  – Der Pass von Llogara

Hin und wieder erlauben die vorbeiziehenden Wolken der Sonne einige ihrer wärmenden Strahlen auf die Buchten der Riviera zu richten. Doch da hinten, keine 20 km ins Landesinnere, haben weder die Sonne noch eine einzige der Bergspitzen eine Chance, sich gegen die Wolken durchzusetzen. Dort müssen wir hin. Hinein ins Bergmassiv, hoch hinauf über Serpentinen, teilweise im Schritttempo zur Spitze des Llogara Passes. Nebelfelder hängen in den Nadelbäumen, die nun immer spärlicher werden und von Felsen, Steinen und bodennahen Sträuchern abgelöst werden. Kleintransporter nehmen in extremer Schieflage eine der 180 Grad-Kurven. Holländische Urlauber im Wohnmobil atmen frische Bergluft am Straßenrand und genießen etwas, wofür sich die Strecke am allermeisten lohnt: den Panoramablick auf das Ionische Meer, das als tiefblaue, funkelnde Fläche die wuchtigen, grautönigen Berge kontrastiert. Dort müssen wir hin. Da runter, ans Ionische Meer. Dort, wo angeblich die Strände noch schöner sind als nördlich davon. Dort, wo es noch einsame Buchten gibt wie sonst nirgendwo. Das wollen wir sehen.

Himara. Das Gasthaus – Der beste Kindergarten der Welt

Die Überquerung eines Passes macht hungrig. Wir betreten das Gasthaus. Nicht viel los hier. Hinter der Bar poliert eine junge Albanerin Biergläser. Ihre ältere Kollegin nimmt eine Flasche Raki vom Regal und befüllt damit einige Gläser, die zum schnelleren Servieren schon auf einem schwarzen runden Tablett bereitgestellt sind. Die fünf rauchenden Männer vor dem hoch hängenden Fernseher mustern uns. Eine Leopardenmutter säugt ihre Jungen. Wir begrüßen uns. Wir wollen essen. Unser Sohn wird mit weniger Distanz begrüßt. Zu den beiden Kellnerinnen kommt nun eine dritte Frau aus der Küche, eine vierte folgt wenig später. Das Baby, es muss auf den Arm genommen werden, es muss geküsst werden und geknuddelt werden. Unser Sohn erwidert die Aufmerksamkeit mit viel Lächeln und Juchzen, was bei den Frauen und auch den Männern für noch mehr Freude sorgt, und uns ein ruhiges, entspanntes Mittagessen ermöglicht. Wir essen mehrere Portionen Lamm, Zitronensuppe, Salat mit Schafkäse, Tomaten und Gurken und erfreuen uns an der unfassbaren Herzlichkeit der Albaner und Albanerinnen im Umgang mit unserem Kind.

Himara. James Bond lässt grüßen – Die U-Boot Station in Porto Palermo

Albanien bietet nicht nur die von Enver Hoxha zur Verteidigung des Landes erbauten 740 000 Bunker (de.wikipedia.org/wiki/Bunker_in_Albanien, 2014), sondern auch andere Skurrilitäten, die ihren Ursprung in der bewegten Vergangenheit des Landes haben. In Porto Palermo wurde in einen Berg eine Parkgarage für U-Boote gebaut (de.wikipedia.org/wiki/Porto_Palermo, 2014). Das ist wie bei James Bond. In der Berghöhle sind U-Boote stationiert, um unauffällige und geheime Mobilität zu gewähren. Vielleicht ist in der Höhle ein geheimes Labor, in dem Welt vernichtende Waffen entwickelt werden und James Bond, nachdem er in die Falle des Bösewichts getappt ist, einen langsamen Tod sterben soll. Wir machen Fotos (und hoffen nicht von der albanischen Marine, deren Eigentum die U-Boot Garage ist, erwischt zu werden), überlassen James Bond seinem Schicksal und setzen unsere Fahrt fort Richtung Süden.

Nächste Etappe. Saranda

Saranda

nach oben

Saranda liegt weit im Süden Albaniens. Die griechische Insel Korfu ist so nahe, dass man meinen könnte, da kann man doch rüberschwimmen und Moussaka essen.

Saranda. Einsame Buchten revisited, zwischen Himara und Saranda

Es scheint die Mission unserer Reise zu sein. Die Suche nach einsamen Buchten. Nette Buchten, nette kleine Strände, sauberes, klares Wasser, eine kleine Strandkneipe, die Fisch zubereitet und Getränke anbietet. Ein einladender Ort zum Verweilen. Vielleicht sogar ein kleines Hotel in der Nähe des Strandes. All das suchen wir.

Wir fahren Richtung Saranda. Der Reiseführer lobt einige Orte, die wir passieren. Wir biegen rechts ab und folgen dem Schild für Strand. Eine halb befestigte Straße führt durch Olivenhaine. Der Olivenhain ist völlig mit Farn überwachsen, scheinbar wird hier schon lange nichts mehr bewirtschaftet. Ein Hirte in weißem Anzug und Hut sitzt ruhig unter den Olivenbäumen auf einem Stein. Sein Blick folgt unserem vorbeirumpelnden Auto. Unser Blick erwidert neugierig den seinen. Am Strand angekommen, sehen wir verkommene Häuser, Bauschutt, mehrstöckige Rohbauten aus Beton, zwei Mercedes, die vor der Baustelle geparkt sind. Alles ist verlassen, kein Mensch ist zu sehen. Wir denken uns, es ist, als hätte es eine große unsichtbare Umweltkatastrophe gegeben und die Menschen hätten alles zurückgelassen, so wie es war, und die Natur würde sich nun alles ganz langsam wieder zurückholen, was ihr genommen wurde. Wir sehen eine Strandhütte. Eine Plastikplane mit dem Aufdruck „Raiffeisen Bank“ bedeckt die Hütte. Völlig unerwartet sitzen in der Hütte drei Männer. Schweigend trinken sie Raki. Wir sagen „Hallo“. Nach einiger Zeit bricht einer der Männer das Schweigen und fragt, wo wir herkämen. Die Männer sind schon ziemlich besoffen. Sie lallen. Wir trinken Cola, bezahlen und fahren zurück durch den Olivenhain an die Hauptstraße Richtung Saranda.

Nach einer langen Fahrt durch erneut beeindruckende Bergwelten und Begegnungen mit unzähligen Hirten, Schafen, Ziegen, Kühen und Hirtenhunden landen wir eher aus Mangel an Alternativen zu den nicht gefundenen, beschaulichen und schönen Strandorten ganz im Süden Albaniens. In Saranda. Von hier sieht man auf die griechische Insel Korfu. So wie ich als Kind in die andere Richtung nach Albanien gesehen habe, als ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in Korfu auf Urlaub war. Damals war alles ganz weit weg, Albanien noch vollkommen abgeschottet. Ein Land, von dem man nichts wusste, außer, dass es ganz, ganz schräg sein muss.

Saranda. Beton 2 und das Muschelfleisch in Plastikflaschen

Saranda ist der städteplanerische Irrsinn. Hier wird, wenig überraschend, überall gebaut. Etwas außerhalb von Saranda, in Ksamir existiert momentan ein Ort, der nahezu ausschließlich aus unfertigen Gebäuden besteht. Ksamir wird gepriesen als wundervoller kleiner Ort mit Sandstrand. Doch dort, wo das Meer endet, türmt sich bedrohlich ein Wall aus Betonpfeilern und Rohbauten. Die unfertigen Gebäude werden größtenteils zum Verkauf angeboten. Einige der Betonpfeiler sind eingebrochen. Angeblich ist dies eine übliche Vorgehensweise zur Sanktionierung illegaler Bauten.

Zurück in Saranda entdecken wir den Markt. Ein wohltuender Anblick. Endlich wieder albanische Authentizität abseits des Bau-Wahnsinns. Das echte Leben einer Hafenstadt, wie man es sich vorstellt. Hier wird alles verkauft, was Land und Meer hergeben: Raki in alte 2l-Cola-Flaschen gefüllt, Muschelfleisch in alte 2l-Cola-Flaschen gepresst, der fangfrische Fisch auf Eis gelegt, Orangen füllen den Mercedes-Kofferraum, Kisten mit Gemüse, Kräutern und Obst auf den Mercedes Motorhauben gestapelt. Markthallen braucht man hier nicht unbedingt.

Wir kaufen mehrere Schalen Erdbeeren und ziehen weiter. Wir überlegen, nach Korfu über zu schiffen, doch es fährt nur eine Fähre pro Tag, so müssten wir dort übernachten, was wir nicht wollen. Wir wollen die Küste verlassen. Hier gibt es nichts mehr zu holen für uns als Touristen.

Nächste Etappe. Gjirokastra

Gjirokastra

nach oben

Gjirokastra ist UNESCO-Weltkulturerbe und das völlig zu Recht. Es betört durch seine wunderschöne Altstadt und die umliegende beeindruckende Landschaft.

Gjirokastra. Muezzin und Hochzeitsmusik

Gjirokastra in den Bergen liegt ca. zwei Stunden oder mehr von Saranda entfernt. Es regnet. Es ist gewittrig. Die Wolken hängen tief. Ein alter Hirte sitzt mit Regenschirm am Straßenrand. Sein Blick ist stoisch. Kühe versperren den engen Weg, wie sooft, wenn man die urbanen Regionen Albaniens verlässt.

Die Fahrt führt uns wieder über endlose Serpentinen. Die Distanz ist gering, doch die Strecke will Zeit und muss langsam befahren werden. Endlich erreichen wir Gjirokastra. UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist kalt. Es regnet in Strömen.

Wir stehen am Balkon der Unterkunft mit Blick über die alten Steindächer der Altstadt. Weit entfernte Hochzeitsmusik, der Muezzin und die Regentropfen tauchen die Stadt in ein Klangbad. Die schneebedeckten Berggipfel und das endlos weite Tal bieten wieder einmal ein umwerfendes Panorama voller Ruhe und Kraft.

Wir gehen in das größte Hotel der Stadt essen. Ein Hotel aus alten sozialistischen Zeiten, im Stil dieser vergangenen Zeit. Im Hotel logieren die Rundreise-Gruppen aus Deutschland und Frankreich und verzehren an großer Tafel das mehrgängige Menü. An den anderen Tischen treffen sich die einheimischen Geschäftsmänner, um zu rauchen und Raki zu trinken.

Gjirokastra. Verzweiflung und Nervosität

Am nächsten Tag touren wir durch die wunderschöne Altstadt von Gjirokastra, essen Kalbssuppe und verzweifeln an wirklich allen Geldautomaten der Stadt. Wie geht es weiter ohne Bargeld? Tank fast leer, Kartenzahlung ist hier nirgends möglich. Der Western-Union-Typ kann nur Albanisch, eine Verständigung über die Vorgehensweise und Modalitäten ist mit Händen und Füßen unmöglich. Die Bankangestellten sagen „I don’t know, I don’t know.“ und empfehlen, einen anderen Automaten zu probieren. Ich erkläre, dass ich das bereits getan habe. Ich erkläre es mehrmals und versuche, Rat und Vorschläge zu bekommen, um unser Problem zu lösen. Es beginnt erneut zu regnen. Es ist kalt. Eine Gruppe Roma-Kinder ohne Schuhe will ein paar Münzen, aber wir haben leider echt nichts. Dann endlich eine brauchbare Info: Auch wenn Maestro draufsteht, in Albanien funktioniert nur Visa. Durch Zufall entdecken wir eine eigentlich versehentlich mitgenommene Visa-Karte im Rucksack. Erster Versuch nix, Bankomat crasht, zweiter Versuch mit Assistenz der Greek-Bank-Angestellten funktioniert. Erleichterung. Sofort tanken und nix wie weg hier. Richtung Norden. Richtung Tirana. Richtung Hauptstadt.

Nächste Etappe. Fier

Fier

nach oben

Fier ist Handelsstadt, Industriestadt und wirtschaftliches Zentrum zugleich. Eigentlich hat man hier als Tourist nichts verloren. Doch Orte wie diese haben meist Charme und bieten viel „echtes“ und authentisches Leben.

Fier. Tiefdruck Balkan, Wilder Fluss – Auf dem Weg nach Tirana

Wir wollen nach Tirana. Ein letzter Halt vor der Hauptstadt ist Fier. Die Fahrt ab Gjirokastra ist unheimlich. Alleine der Blick in die Engen der Täler ist bedrohlich. Dunkle Gewitterwolken verschleiern die Berge. Wir sehen vor der Abfahrt noch Bilder aus Serbien: Die starken Regenfälle führen zu Überschwemmungen, Menschen verlieren ihre Häuser und viele auch ihr Leben: Katastrophe. Im Hinterkopf habe ich Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Peru, die gefährlichen Bergstraßen in den Anden, die dortigen Nachrichtenmeldungen von abgestürzten Reisebussen wegen starker Regenfälle, Steinschlag und Murenabgang.

Ich sehe große Steinbrocken vor eingedellten Leitplanken liegen. Zumindest Leitplanken, denke ich. Warnschilder für Steinschlag. Wenigstens etwas. Endlich auch Fangnetze, nicht überall, aber immerhin. Ich fahre konzentriert, sehe mir die Hänge genau an. Frau und Kind schlafen auf der Rückbank. Ende der Berge.

Vor uns ein endlos scheinendes Tal von überwältigender Schönheit. Ein Fluss bahnt sich den Weg durch das Tal. Der Schotter und das Gestein formen ein breites Flussbett. Um das Flussbett herum wild wachsendes Gestrüpp, steppenartige Landschaft über viele Kilometer. Keine Menschenseele ist zu sehen, nicht einmal die sonst so verbreiteten Baustellen. Es ist das Tal des Flusses Vjosa, eines der letzten großen Wildflüsse Europas, der zuletzt knapp der Zähmung durch die Errichtung von Staudämmen entging. (riverwatch.eu, 2014)

Fier. Industriestadt und Wirtschafszentrum – Touristischer Albtraum?

Nach der anstrengenden Autofahrt gönnen wir uns eine Übernachtung in der alten Handelsstadt Fier. Eine Gruppe von fünf deutschen Hotelgästen informiert den Rezeptionisten: „When our friend is coming, tell him we are in underground“. Den nächsten Tag beginnen wir früh morgens mit Frühstück in einem Grill-Lokal. Zwei alte Männer sitzen auf der Bank und essen Suppe aus Kalbsinnereien. Dazu trinken sie Rotwein und winken unserem Sohn. Fier ist sympathisch. Es ist lebhaft, es wird viel verkauft, Kleidung, Obst, Gemüse und Elektronik, meist am Straßenrand auf Kartonkisten und großen Tüchern ausgebreitet. Der Hauptplatz ist voll mit älteren Männern in Anzügen. Sie scharen sich um die Steintische des Parks, beobachten und kommentieren das in ganz Albanien sehr beliebte Dominospiel, freuen sich vielleicht auf die eigene Partie. Wir kaufen Kuchen in der Pasticceria und machen uns auf den Weg in einen nahe gelegenen Naturpark am Meer.

Im Naturpark essen wir Fisch und trinken Wein in einem zauberhaften Pinienwald. Wir sind die einzigen Gäste und werden mit viel Herz und Schwung bewirtet. Das Essen und der Wein schmecken ausgezeichnet. Der angrenzende Strand ist ein langer Sandstrand, sehr dünig und sehr windig. Das albanische Militär begrüßt uns aus ihren Geländewagen, die am Strand in einer Kolonne entlang fahren. Wir fahren ebenfalls weiter. Tirana liegt nahe. Von dort wollen wir nach Ulcinj, Montenegro.

Nächste Etappe. Ulcinj in Montenegro

Ulcinj, Montenegro

nach oben

Traditioneller Badeort im Süden von Montenegro, unmittelbar an der Grenze zu Albanien. Ein endlos langer Sandstrand und ein lebhafter Ortskern laden zum Sommerurlaub ein.

Ulcinj. Ein Rückblick auf Albanien

Wir erreichen Ulcinj, ganz im Süden von Montenegro, etwa 25 km von der albanischen Grenze entfernt. Irgendwie spüren wir nach den ereignisreichen Tagen in Albanien so etwas wie Erleichterung hier zu sein. Ulcinj kennen wir von vor zwei Jahren als netten Badeort mit ewig langem Sandstrand und vielen Unterkünften und Lokalen. Man weiß, worauf man sich einlässt und dieses Gefühl hatten wir in Albanien nie, da dort alles viel zu unberechenbar war.

Albanien ist spannend. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus, vor allem unterwegs: die überwältigende Landschaft, die unglaubliche Freundlichkeit und Freude der Albaner und Albanerinnen, insbesondere im Umgang mit dem Sohn (v.a. in der südlichen Hälfte des Landes), die vielen absurden Situationen, die man auf dem Weg erlebt, die von Wind und Wetter gezeichneten Hirten, die Industrieruinen, die teils menschenleeren, wild verwachsenen uralten Dörfer (eher Dorfruinen) auf Berggipfeln, die Packesel und Ziegenherden unter riesigen Vodafone-Werbeplakaten, die weiten unbewirtschafteten Täler des Wildflusses Vjosa, die Straßenhändler, die am Fahrbahnrand das weiße Kaninchen an den Löffeln hochziehen, um es zum Verkauf anzubieten, die Roma-Siedlungen mit Plastikzelten und den alten Mercedes und Wohnwagen, die bedrohlich dunklen Gewitterwolken, die sich hinter den noch schneebedeckten Gipfeln des Mali-i-Gjere-Gebirges auftürmen, die alten heruntergekommenen Arbeiterwohnsiedlungen der Vorstädte.

In Ulcinj leisten wir uns ein 5-Sterne-Apartment. Das Kind schläft. Wir entspannen uns auf der Hotelterrasse und gießen heißes Wasser auf die frische Kamille, die wir in Albanien einer alten Straßenhändlerin abgekauft haben.

Albanien. Du wilde, verrückte Schönheit.

nach oben

Dieses Land der extremen Kontraste übt eine Faszination aus, der man sich schwer entziehen kann. Für Erholungsurlaube ist man woanders vermutlich besser aufgehoben. Doch wir, wir kommen wieder, so viel steht fest. Vielleicht vorher noch nach Kuba. Auf eine weitere Reise in die Grauzone zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Text: Andreas Lehner, Mai 2014

Möchtest Du die Reise gerne als Kindle eBook lesen? Dann klicke HIER. Das eBook beinhaltet ein editierte und aktualisierte Version der Reise, inkl. interessanten Fakten zu den einzelnen Regionen und Städten: http://www.amazon.de/gp/product/B00NO6S9LO

Autor: Andreas Lehner

Andreas Lehner ist 1978 in Linz, Oberösterreich, geboren. Lehner lebte und arbeitete bisher in Wien, Lima (Peru), Zürich und aktuell in Berlin.

8 Kommentare zu „ALBANIEN – Ein touristisches Road Movie durch Albanien im Mai 2014“

    1. Hi Lewi, das freut mich sehr. Albanien ist auch ein wirklich spannendes Reiseland mit unglaublich herzlichen und freundlichen Menschen und umwerfender Natur, aber auch mit einigen Schattenseiten….habe mir deine Seite angeguckt: beeindruckend wie produktiv du bist…sehr schöne Sachen!

      Gefällt mir

  1. Das klingt ja auch sehr spannend. Wir überlegen gerade, wohin wir im Sommerurlaub fahren sollen und schwanken aktuell zwischen Rumänien (Wandern) und den drei baltischen Ländern. Albanien klingt aber zumindest spannend. (Wenn auch wahrscheinlich im Sommer zu heiß.) Erholen kann ich mich auch auf meinem Balkon.;-) Wie habt ihr das mit den Unterkünften geregelt, kann man einfach so was finden? Sind auch als Familie unterwegs, das Kind ist aber nicht mehr so klein.

    Gefällt mir

    1. Unterkünfte haben wir auf gut Glück bezogen…waren aber in Nebensaison dort..weiss nicht wie es ist, wenn im Sommer die Küste voller ist…zumindest waren die Küstenorte im Hotel und Ferienwohnungs-Bau-Boom…vermutlich noch immer und vermutlich immer noch nicht fertig ;)..die Küste war halt eine einzige Baustelle, die Berge aber wundervoll

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s