Mann ist wie Katze, immer liegt.

Ein Auszug aus dem kommenden neuen eBook von Dragoslav Prpic.

Gery kam vom Land nach Wien. Bist Du in Wien einer, der vom Land kommt, wirst Du meistens aus der Steiermark oder aus dem Waldviertel oder aus Oberösterreich oder aus sonst einem Bundesland, das nicht Wien ist, sein. Wien ist Stadt. Der Rest Land. Für jeden, der das Landleben satt hat, bleibt nur eine Möglichkeit, nämlich nach Wien zu gehen. Das plante der Gery nicht anders. Nach der Matura im Stiftsgymnasium ist er schnurstraks nach Wien. In den großen Ferien nach der Matura hat er noch lange überlegt, doch daheim bleiben, “da kenne ich alle, die Mama kocht und hat Zigaretten auf Vorrat und kann mich abholen, wenn ich im Suff das Taxigeld in noch ein Schnapserl investiert habe.”

Oder doch nach Wien in die große Stadt. Ganz fremd wärs dort eh nicht, weil jeder vom Land war irgendwann mal als Kind in der Stadt, Stephansdom anschaun und mit dem Riesenrad fahren, das Pferdelulu und Pferdegacki von den Fiakern inhalieren, bei der Heimfahrt zurück aufs Land auf der Äußeren Mariahilferstraße die rauchenden Strassenhuren bestaunen, die unter den  schummrigen Straßenlaternen auf und ab gingen. Das war schon alles sehr aufregend für die jungen Burschen vom Land.

Genau daran erinnerte sich auch der Gery, vor allem an die Huren, als er den felsenfesten Entschluss fasste “ich gehe nach Wien”.

Nach Wien zu gehen, das war das eine, was schon immer als kleiner Wunsch in ihm schlummerte. Das andere war das Leben in einer Wohngemeinschaft. Je größer die Wohngemeinschaft desto besser, dachte sich der Gery. Anfangs in Wien wohnte er noch alleine und sorgte für Gesellschaft indem er beim Fortgehen immer versuchte ein Mädchen kennenzulernen, das mit ihm nach Hause kommt, damit er nicht so alleine war. Der Gery war ganz gut darin, vor Allem wenn er ausreichend getrunken und geraucht hat. Je später die Stunde in den Bars, desto sicherer war er sich, dass seine Wohnung mit Leben gefüllt werde. So ging das ziemlich lange. Dann lernte er eine kennen, die nicht mehr aus  seiner Wohnung und seinem Bett raus wollte. Anfangs fand er das gut, dann so abscheulich, dass er beschloss von einem Tag auf den anderen abzuhauen. Der Gery packte nur einen kleinen Rucksack mit Zahnbürste und Unterhosen und schlich sich mitten in der Nacht aus dem Bett, wo das Mädchen tief und fest schlief. Den Mietvertrag hatte er gleich am nächsten Tag gekündigt und irgendwann nach drei Monaten sah er die Wohnung im Immobilienteil der Kronen Zeitung. Das Mädchen hat er nie wieder gesehen. In der Zwischenzeit erfüllte er sich den WG-Traum. Mit sechs anderen Mitbewohnern lebte der Gery in einer loftartigen Wohnung in Wien Favoriten. Die Wohnung war so billig, dass alle sieben in Saus und Braus lebten. Jeden Tag kamen neue Gäste vorbei, sie haben gekocht, gegessen und unvorstellbare Mengen an Bier getrunken. Erlaubte es der Kater vom Vortag wurde gern die Schnapsflasche aufgemacht. Der Schnaps schmeckte vorzüglich. Da alle Mitbewohner und WG-Besucher vom Land kamen, gab es immer Schnaps, den die Familien und Verwandte zu Hause selbst brannten. Kein Vergleich mit dem Billigfusel aus dem Interspar. Das war der pure Genuss und die Reinheit des Schnapses ersparte einem die schweren Köpfe und somit konntest du am nächsten Tag ohne Probleme dort fortsetzen wo du spät nachts aufgehört hast.

Für den Gery war es das Paradies. Irgendwann jedoch war der Gery unvorsichtig und verstieß gegen ein Grundgesetz des harmonischen WG Lebens. Er verliebte sich in eine Mitbewohnerin. Hat er sich anfangs noch gewehrt gegen die Aufregung, die er verspürte, wenn er in ihrer Nähe war, ist es in einer wilden Partynacht doch passiert. Sie rauchten gemeinsam noch einen Joint, so wie sie es jeden Abend machten, um besser schlafen zu können. Doch dieses mal löste das Kraut wildes Begehren aus. Der Gery berührte anfangs nur sachte ihren Zeigefinger und streichelte sanft rund um ihre Fingerkuppe. Die Mitbewohnerin, die noch eher bei Kräften war, stand dann von ihrem Sessel auf und setzte sich schnur straks auf Gerys Schoss. Der Gery war nicht mehr zu retten.

Am nächsten Tag taten beide so als wäre nichts geschehen. Am Abend gingen sie in die Pizzeria neben der U-Bahn-Station und tranken ein paar Bier. Dann fuhren sie noch zum Praterstern ins Fluc und tranken noch mehr Bier, dann Jägermeister, dann Taxi nach Hause und schon im Taxi war der Gery wieder nicht zu retten. So ging das wochenlang, bis sie ein richtiges Paar waren. Der Gery schlief nur mehr bei ihr im Zimmer, sie dachten schon daran Gerys Zimmer neu zu vermieten, weil sie ja so verliebt waren und eh nicht viel mehr brauchten als das kleine Zimmer, ein paar Bier und was zu kiffen.

Dann war Weihnachten und alle fuhren zurück aufs Land zu ihren Familien. Als der Gery zurückgekommen ist vom Land in die Stadt, traf es ihn wie einen Blitz, dass er dachte jetzt sofort lieber gleich sterben, bevor irgendwas anderes anreissen. Er stand im Türrahmen und konnte sich nicht mehr bewegen. Sein Herz raste und hämmerte so laut, dass er sich die Ohren zugehalten hat, was das Hämmern noch lauter machte. Dann drehte er sich um, ging torkelnd wie ein Betrunkener zum Kühlschrank und machte sich ein Bier auf. Das Bier war weg in null komma nix. Zum zweiten Bier setzte er sich hin und drehte einen Joint. Dann brach er in Tränen aus und weinte wie ein Hund. Dann hat er sich zusammengerissen, die Tränen aus dem Gesicht gewischt und ist in die Pizzeria. Wenig später kam auch die Mitbewohnerin. Sie setzte sich neben ihn und sagte “Du. Es ist einfach passiert Ich wollte das nicht. Aber dann haben wir was getrunken und …ich glaub zuviel und dann ist es passiert. “ Der Gery war stumm und starrte in sein Bierglas. Dann sagte die Mitbewohnerin “Du. Ich geh jetzt wieder.” Dann sprang der Gery auf und schrie sie durch die ganze Pizzeria an: “Ja. Schleich Dich, Du Bitch! Geh scheissn! Du Schlampn! Hur deppade! Gschissene Fut. I will di nie wieder sehen. Du Saaaau!” Die Mitbewohnerin war schon längst aus dem Lokal, schrie der Gery immer noch, bis ihn der Giancarlo von der Pizzeria mit einem doppelten Grappa beruhigen konnte.

Das Leben in der WG wurde für den Gery zur Hölle. Weil der Typ mit dem er seine Freundin im Bett erwischt hat, kam immer wieder zu Besuch. Und zwischendurch, als der eine Typ nicht kam, kamen andere zu Besuch. Die kamen in die Wohnung, der Gery öffnete ihnen die Tür und dann verschwanden sie auch schon im Zimmer von der Mitbewohnerin. Der Gery leidete und der Gery ging nicht mehr ausser Haus. Er setzte sich neben die Eingangstür und wartete bis es wieder klingelte. Dann machte er die Tür auf und setzte sich wieder hin. Der Gery sagte nie ein Wort der Begrüßung sondern saß nur da mit einem Bier und einer Zigarette in der Hand und schaute wie die Besucher wieder im Zimmer verschwanden. Manchmal hielt er es nicht mehr aus, die Neugier und Selbstgeisselung trieben ihn zur Zimmertür. Dort belauschte er die frisch Verliebten, hörte sie stöhnen und ausgelassen lachen. Einmal, da verlor er sich so sehr ins Lauschen, dass er vergessen hat auf andere Geräusche zu achten. Und so liegt sein Ohr an der Tür und zack geht die Tür nach innen auf und der Gery plumpst direkt vor die Füße der Mitbewohnerin.

“Oida! Was machst Du da? Bist du vollkommen deppad? Hast Du uns nachspioniert?” “Na. Also i wollt nur …” “Ja sicher hast uns nachspioniert. Oida, bist pervers? Was tuast no alles du Wichseer?” “Na hörts auf..Ich hab doch nur wollen…” “Ja was hast nur wollen. Wollts da an obareissen, oder was?”  Der Besuch der Mitbewohnerin empfand für Gery kein Mitgefühl und packte ihn am Krawattel und stieß ihn gegen die Wand. “Heast. Was soll des! Bei uns in da WG gibts keine Aggressionen!”, sagte der Gery und nahm Anlauf und stürmte auf den Besuch zu. Eine wilder Schlägerei entwickelte sich. Die Mitbewohnerin stand daneben und schrie “Hörts auf jetzt! Bitte! Hörts auf!” Dann nahm der Gery eine Bierflasche und zog sie dem Besuch über den Schädel. Der Besuch fiel um und Blut floss über sein Gesicht. Dann herrschte Stille.  

Der Generalschlüssel

Ein Auszug aus der Erzählung „Der Generalschlüssel“. Erik ist hochtalentierter Entwickler für Künstliche Intelligenz. Ein besonderer Algorithmus eröffnet den Zugang zu den tief verborgenen Bedürfnissen und Wünschen des Menschen. Dieses Potential bleibt kein Geheimnis und es beginnt ein gefährliches Wettrennen um den Besitz des Algorithmus.

Von Dragoslav Prpic (Ein Auszug aus der Erzählung Der Generalschlüssel)

Ich sitze im großen Meeting-Raum. Mir gegenüber die Big Three. Geschäftsführung, links davon Technology & Innovation, rechts davon Finance. Geschäftsführung blättert in einem zusammengehefteten Dokument. Er murmelt Anfragen in das Voice-Interface. Ich sehe ein paar Visualisierungen von Daten, das übliche was Manager für schick halten, Pie-Charts, Donut-Charts und eine Heat-Map. Ich erkenne auf den ersten flüchtigen Blick, dass die Datenvisualisierung von Nicht-Könnern erstellt wurde. Geschäftsführung ist das egal. Er blättert vor und zurück, sucht scheinbar Zusammenhänge. Ich sitze ruhig. Meine Füße drücke ich fest gegen den Boden. Präsent sein. Ich langweile mich und möchte nicht abdriften. Meine beiden Hände liegen entspannt auf meinem Bauch. Meine beiden Zeigefinger berühren sich an den Fingerkuppen und formen mit den Daumen ein Dreieck. Ich verfolge die Handlungen aufmerksam. So wie es mir beigebracht wurde in den Coaching-Sitzungen für zukünftige Führungskräfte für interdisziplinäre Produktteams. Modernes Leadership nannten sie es. Technology & Innovation führt Gesten über seinem Smartphone aus. “Ich habe Dir den Report weitergeleitet.” Finance bedankt sich. Cool wie eh und je mit kurzem Kopfnicken und Daumenhoch. Geschäftsführung blättert weiter im Dokument. “Erik. Danke, daß Du heute Nachmittag unserer Einladung gefolgt bist. Wir schätzen Dein Engagement sehr. Wir wissen Du hättest heute mit deinem Team eine wichtige Sprintplanung gehabt. Umso mehr wollen wir Dir unsere Wertschätzung zeigen. Danke Erik.“ Geschäftsführung schiebt seine Brille an seinem Nasenrücken hoch. Er sieht mich an und nickt zustimmend in weitem Radius, während Finanzabteilung seinen Monolog hält. Ich frage mich, in welchem Seminar Geschäftsführung diese Art des Zustimmungsnickens gelernt hat. Seine rechte Augenbraue zuckt. Immer wenn er aufgeregt ist, zeigt sich seine Unruhe über das Zucken. Wie damals als er vor der gesamten Belegschaft seine erste Rede hielt. “Wir möchten Dir auch dafür danken, dass Du uns über all die Jahre treu gewesen bist. Du hast maßgeblich zum Erfolg dieses Unternehmens beigetragen. Ohne dich wären wir nicht da, wo wir heute sind. Du warst mit dabei, als wir mit einem kleinen Team von zehn Leuten begannen den Markt für Künstliche Intelligenz aufzumischen und ein neues Geschäftsmodell zum Erfolg zu bringen, das heute tausendfach versucht wird, zu kopieren. Erik, ohne dich wäre das nicht möglich gewesen. Danke dafür. Unsere Wertschätzung ist schwer in Worte zu fassen. Wir sind heute ein globaler Konzern mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern. In weniger als fünf Jahren von 10 auf 100 000 Mitarbeiter, Erik. Diese unglaubliche Erfolgsgeschichte ist auch dein Verdienst.“

Ich fühle mich geehrt. Ich gebe es zu in aller Bescheidenheit. Nach so vielen Jahren ist heute das erste Mal, dass ich eine Art Dankeschön zu hören bekomme. Mein Herz füllt sich mit Wärme, ich werde mich bedanken bei den Big Three für die schönen Worte.

„Aber, wie Du selbst weißt, ist der Markt dynamischer und schneller denn je. Was in dem einen Moment Geltung hat, ist im nächsten Moment aus anderer Perspektive zu betrachten und neu zu beurteilen.“

Das Zucken der Augenbraue wird stärker und tritt in immer kürzeren Abständen auf. Beziehe ich meine überdurchschnittlichen analytischen Fähigkeiten, die mir hier in Lobeshymnen attestiert wurden, in Betracht, muss ich davon ausgehen, dass ein Wendepunkt eintreten wird, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu meinem Vorteil ausgehen wird. Ich bleibe ruhig sitzen. Ich entspanne mein Gesicht. Ich werde zuhören und abwarten was geschieht. Meine Mundpartie ist so entspannt. Sie hängen tief nach unten bis auf meine Oberschenkel wo sie sich gemütlich absetzen. Totale Entspannung, so wurde es mir beigebracht in den Seminaren für emotional besonders herausfordernde Situationen. Ich erhöhe den Druck meiner Füße gegen den mit andalusischen Kacheln gefliesten Boden. Geschäftsführung übernimmt das Wort. “Erik, wie geht es dir?“ “Danke der Nachfrage, es geht mir gut”. “Privat?” “Gut. Danke” “Wie fühlst du dich in unserem Unternehmen?” “Auch gut. Danke”. Technology & Innovation übernimmt das Wort. Geschäftsführung senkt den Blick und blättert weiter durch die abstoßenden Pie-Charts. “Wir stellten, wie soll ich sagen, in den letzten Wochen, ja Monaten, fest, dass, also dass, die Zahlen zeigen,…also es gibt einen Trend, der etwas abweicht von dem, was unser Normsystem als kritische Grenzwerte vorgibt. Du kennst unser System. Du hast es schließlich selbst mitentwickelt. Es ist nun also so, wir tragen immer größere Sorge, dass wenn, also wenn dieser Trend anhält, dies Auswirkungen auf das Risiko hat. Also es könnte sich das Risiko erhöhen, dass bestimmtes Verhalten, von dir, wenn es so weitergeht, einen äußerst gefährdenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg hat. Das ergab die Auswertung deines Aktivitäten- und Verhaltensprotokolls. Insbesondere die Parameter Soziales und Firmenkultur unterschreiten Werte, die unsere Alarmglocken läuten ließen. Unser Social Prediction Tool sagt voraus, dass in ein paar Wochen durch einen gruppendynamischen Schneeballeffekt die ganze Abteilung für Künstliche Intelligenz und Algorithmen kollabieren könnte. Diese Abteilung ist unser Herzstück, unser kleinster gemeinsamer Nenner, dafür steht unser Unternehmen. Wie Du sicher weißt.” Einen Augenblick fühle ich Leere. Ein angenehmes Gefühl einmal leer zu sein auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: die Leere füllt sich rasend schnell wieder, randvoll. Ich denke nach, worauf sich die Aussagen beziehen könnten. Darauf, dass ich kaum mehr ins Office ging, lieber von zu Hause arbeitete? Darauf, dass ich an keinen Firmenevents mehr teilgenommen habe? Sind das tatsächlich Gründe dafür, mich nun in der Risikozone zu verorten. „Ich bin sozial!“, rufe ich den Big Three entgegen. „Ich bin bekannt dafür, eine absolute Stimmungskanone zu sein. Ich bin der Typ Mensch, ich rufe ein Taxi, steige ein und sage dem Taxi-Fahrer: Auf zur nächsten Party, egal wohin, egal mit wem. Wo ich hinkomme, mische ich mich unter die Leute, engagiere mich, führe Gespräche. Ich kann sprechen. Lasst mich sprechen! Lasst mich auf das Team los. Ich motiviere, reiße sie mit. In drei Sprints haben wir ein neues Produkt am Start! Los, seht her. Seht euch das an! Und das! Hier, vier von fünf Hypothesen, die erfolgreich evaluiert sind, euer Risiko auf Verfehlen minimiert. Die Algorithmen schreibe ich euch hier und jetzt an die Tafel! Die Architektur. Was ist damit? Hier habt ihr sie! Nicht einfacher als das! Designs? Hier habt ihr Vielfältigkeit und Quantität, diskutiert, bewertet und wählt aus. Los! Hier! Macht jetzt!“ Sechs weiße, runde, starre Scheiben sind auf mich gerichtet. Unter den Scheiben drei schwarze Löcher. Finance verformt das schwarze Loch. Aus dem schwarzen Loch schwallen die Worte: „Großer Gott!’ Geschäftsführung drückt hastig seinen Buzzer. Technology und Innovation zieht seinen Arsch langsam wieder nach hinten in den Lederstuhl und versucht aufrecht zu sitzen. Ich höre Stimmfetzen und Notification-Sounds, irgendwo hinter meinem Rücken. Ich spüre an beiden Schulter kräftigen Druck. Jemand dreht mir den Kopf zur Seite, bis eine Hälfte meines Gesichts Bekanntschaft mit dem eiskalten Fließen-Boden macht. An mir vorbei schwarz gelackte Schuhe. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Ich zähle die Beine. An einem Bein schimmert ein weißer Baumwoll-Socken. Geschäftsführung, schmunzle ich. Meine Augenlider fühlen sich schwer an, sehr schwer und unaufhaltsam schwer.  

Ich öffne meine Augen. Die Wand vor mir hat feine Risse, an manchen Stellen gelbe Wasserflecken mit etwas Schimmelbewuchs. Bin ich zu Hause? Ich rufe meiner Freundin Eva. Niemand antwortet. An meinen Handgelenken fühle ich Druck, wie ein zu fest gezogenes Armband. An beiden Händen, wie seltsam. Das gleiche Gefühl an meinen Füßen. „Bist Du wach? Endlich. Du warst lange weg. Scheinbar zu viel bekommen von dem Zeug. Du wurdest gefeuert, Erik. Ich unterschreibe die Papiere, dann kannst du raus hier“. Es klingt, als würden wir uns bereits ewig kennen. Die Stimme klingt bestimmt und vertraut. Ist schon gut, ich nehme dich in den Arm und kümmere mich um dich. Danach klingt die Stimme. Ist es mein Vater? Ich habe ihn schon lange nicht gesehen und nicht gehört. In mir steigt ein Gefühl, das mich an die beruhigende Geborgenheit erinnert, die ich als Kleinkind verspürte, wenn ich ängstlich war. Wenn ein dunkles Gewitter durch die Nacht zog, die Blitze die pechschwarze Nacht zersetzen und das Donnergrollen wie gewaltige Explosionen die Häuser erschütterte. Wenn der Regen auf die Fensterbretter hämmerte und der Wind die Vorhänge in die Dunkelheit jagte und die Fensterläden auf und zu schepperten. Dann verkroch ich mich schnell in die Arme meines Vaters und eine beruhigende und selbstbewusste Stimme gab mir die Sicherheit, dass nichts geschehen wird, sondern alles ganz normal ist. So fühlte ich mich jetzt auch. Es ist alles ganz normal. Ich liege gefesselt auf einem Krankenbett in einer Zelle mit Schimmelbefall. Kein Grund sich Sorgen zu machen oder sich zu wundern. Die Tür öffnet sich. Der Mann trägt Vollbart und Nazi-Frisur, die Haare hinten hoch geschoren, oben zum Seitenscheitel frisiert. Seine Augen haben ein Funkeln, das auf seltsame Weise aggressiv wirkt. Das Blau macht es aus. Und das Neonlicht, das von der Zellendecke in seinen Augen reflektiert, erzeugen diese Kälte und Aggressivität. Er nimmt mir die Fesseln ab. Ein zweiter Mann nimmt die Fesseln der anderen Seite ab. Beide helfen mir auf die Beine und stützen mich. Die kräftigen und großen Hände spüre ich unter meinen Achseln. Sie tragen mich. Meine Beine geben nach, sobald ich versuche aufzutreten. „Können wir uns unterhalten?“, fragt mich die vertrauensvolle Stimme. „Wir können im Auto sprechen. Ich fahre dich nach Hause, wenn Du einverstanden bist.“ Ich sage nichts und gehe mit. In meinem Kopf laufen die Gedanken wild. Sie verknoten sich zu einem wirren Knäuel und lösen sich im nächsten Augenblick schon wieder auf. So geht das eine Weile. Die Umgebung ist mir vertraut. Sonnenallee, Gemüsehändler, Shisha-Bars, Restaurants, Bars, Hochzeitsläden. Die vertraute Stimme erzählt etwas. Ich sehe mir lieber die funkelnden Lichter von draußen an, die vorbeiziehenden Menschen, die auf und ab eilen, zum Einkaufen, zur U-Bahn, nach Hause. „Wie findest Du das Angebot?“, fragt mich die Stimme. „Welches Angebot?“, möchte ich wissen.

Die Älplerin

In der unwegsamen und unheimlichen Bergwelt der Alpen suchen ein Wanderer und eine alte Älplerin nach dem Wundermittel eines Zauberers. Wo werden sie es finden? Wird es die gewünschte Wirkung zeigen? Begleitet die beiden auf ihrer Reise durch Berge, Planeten und ferne Galaxien.

Eine Kurzgeschichte von Dragoslav Prpic. Aus der Reihe: Fiktive Reisen. 5871 Wörter. 

Die alte Älplerin war das raue Leben in den Bergen gewohnt. Sie lebte schon lange dort oben auf dem alten Bergbauernhof. Im Winter war der Bauernhof bis über die Fenster hin eingeschneit. Sie wickelte sich in der Nacht in dicke Decken ein. Den erhitzten Stein aus dem Kaminfeuer legte sie sich in ihr Bett, um die Kälte unbeschadet zu überstehen. Im Sommer beobachtete sie auf der Alm die Schmetterlinge, die von Enzianblüte zu Enzianblüte flatterten. Im August verwandelte sich die aufgeheizte Luft in fürchterliche Sommergewitter. Sie lief so schnell sie konnte in den nächsten Holzverschlag, um Schutz vor den tausenden Blitzen und dem bebenden Donnergrollen zu finden.

JETZT als eBook für Kindle

 

Bilder der Atlantikküste von Marokko mit dem Smartphone

Ibrahim – Im Süden von Marokko 2

Von Andreas Lehner. Ibrahim bittet uns auf den Plastikstühlen seines kleinen Tajine-Imbiss Platz zu nehmen und hebt den Deckel eines Tajine. Für kurze Zeit wird Ibrahim unsichtbar. Die weiße Dampfwolke verschwindet nur langsam unter dem Wellblechdach des Imbiss und Ibrahim wird wieder sichtbar. Ibrahim präsentiert mit großzügiger Geste die Tomaten, Zwiebel, unzählige Gewürze, Fisch, Huhn und Kartoffeln, die das Tajine bald zum Leben erwecken werden. Tajine? Tajine Poisson! Ibrahim serviert Getränke, eine Flasche Wasser und natürlich Tee. Ibrahim gießt Tee aus Kopfhöhe in das kleine, runde Teeglas, probiert und kippt den Tee zurück in die silberne Teekanne, probiert und kippt den Tee zurück, probiert. Ibrahim schneidet Zwiebel und gießt erneut aus Kopfhöhe zielgenau in das kleine, runde Teeglas, probiert und kippt zurück in die silberne Teekanne, schneidet Tomaten. Zwiebel und Tomaten kommen in den Tajine. Es dampft und Ibrahim ist wieder unsichtbar. Einen kurzen Moment später steht Ibrahim vor uns, füllt unsere Gläser aus Kopfhöhe mit Tee und fordert uns zum Trinken auf. Ein großer Kühlwagen fährt vor. Die benachbarten Imbissbetreiber eilen aus ihren Lokalen und kehren mit mehreren aufeinandergestapelten Kisten zurück. Darauf auf Eis lagernd Fisch. Ibrahim geht zum Kühlschrank und kehrt mit einem Paket, eingewickelt in Zeitungspapier, zurück. Darin ein Fisch. Ibrahim filetiert den Fisch und wird wieder unsichtbar. Ibrahim setzt sich und fächert mit seiner Speisekarte die Fliegen aus seinem Gesicht und weg vom Tisch der Gäste.

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Text und Fotos: Andreas Lehner

Wüstenblume – Im Süden von Marokko 1

Von Andreas Lehner. Zwischen dem Schutt und den kantigen Steinen erhebt sich Gestrüpp und setzt sich mit seinem grünlichen Farbton vom Rest der kargen Landschaft ab. Es wirkt so, als würde sich das Gestrüpp durch den felsigen Untergrund ans Sonnenlicht hochkämpfen. Und das, was schon durchgepresst ist, muss sich nun der sengenden Sonne und den Sandstürmen aus der Wüste Sahara widersetzen. Einige Kilometer vorher waren noch verkümmerte Arganbäume zu sehen, die den Kampf wohl schon verloren haben. Einige ebenso verkümmerte Ziegen suchen nach einigen Grashalmen im Schutt. Inmitten der scheinbar unendlichen Monotonie aus Schutt und Stein pflügt ein Bauer mit seinem Esel ein kleines Feld, nicht größer als ein Kleingarten einer Kleingartensiedlung. Für ihn wohl die einzige Chance zu überleben und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit der Bewirtschaftung eines 50 Quadratmeter großen Feldes am Rande der Hammada, was wird ihm da schon bleiben, wirklich genug um davon zu leben? Doch der Bauer teilt er überhaupt die Sorge um die Vergeblichkeit der Mühen oder entspringt die ihm angedachte Frustration der bloßen Ahnung mitteleuropäischer Reisender, die sein Tun infrage stellen? Die Landschaft zieht vorüber. Aus dem Autoradio dudelt Musik, schnell und monoton, mit eindringlichen, sich ständig wiederholenden Gesangsmustern schriller Frauenstimmen. Das Landschaftsbild verändert sich im Detail. Eine neue Gattung von Vegetation ergänzt das grüne Gestrüpp. Rosarote, weiße, grüne und blaue Blüten scheinen über dem Steinboden zu schweben. Die sonderbaren Blüten aber sind Plastiktüten. Ab und dann verhängt sich eine im Gestrüpp und flattert aufgeregt hin und her, als würde sie sich nicht aufhalten lassen wollen durch ein Stück echter Natur. Woher wohl all die Tüten kommen, dass sie ganze Landstriche übersäen, ohne Jahreszeiten zu kennen. Als wären sie Vorboten der lebensfeindlichen Hammada, die sich mehr und mehr Raum verschafft und verkümmerte Arganbäume und Ziegen zurücklässt.

Text und Foto: Andreas Lehner

 

FLASHLIGHTS OF MEMORIES. Die Sterne von Sarajevo

Die Erinnerung aus Sarajevo ist rund, schillernd und bunt, einer Seifenblase gleich. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt, und alles ist hier genau richtig. Diese Stadt atmet Vielfalt. Sie ist eine Patchwork-Decke, ein Flickenteppich, aber einer, der fliegen kann, davon bin ich überzeugt. Obwohl das ganze Land von Geschichte durchtränkt zu sein scheint, ist Sarajevo selbst in diesem Punkt überragend: Die Spuren, die die Geschichte hinterlassen hat, leuchten von einer eigentümlichen und traurigen Schönheit. Es ist die Koexistenz und die Verflechtung der verschiedenen Zivilisationen, die die besondere Atmosphäre der Stadt ausmachen: Muslimisch-osmanische Bauten, orthodoxe oder katholische Kirchen, europäisch verzierte Fassaden, kommunistische Schubladenwohnungen, moderne neue Hochhäuser, vom Krieg beschädigte Wohnhäuser.

Von Saliha Soylu. 

Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird.
Entwickeln wird ihn die Erinnerung.
Max Frisch

Es ist der natürliche Filter der Erinnerung, der uns den wahren Eindruck einer Reise erkennen lässt. Denn selten bleibt von einer Reise mehr als eine Sammlung kostbarer Augenblicke, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben; glänzende Perlen, die die Erinnerung aus dem Meer des Vergessens ans Ufer spült: Weil sie es sind, die für immer bleiben, sind sie es auch, die uns für immer verändern können.

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